Genderformen sollen alle Geschlechter entweder sichtbar oder unsichtbar machen. Das sind allerdings zwei widerstreitende Ziele. Mit geschlechtslosen Wörtern kann man kein Geschlecht hervorheben.

Unsichtbar ist einfach: Man benutzt generische Wörter, Maskulina, Feminina und Neutra: der Mensch, die Person, das Individuum.

Gender-Aktivisten ist das Maskulinum aber schon zu männlich (der Talkshow-Gast). So als wäre ein Gast allein schon deshalb eher ein Mann als eine Frau, weil es „der Gast“ heißt.

Deshalb erfinden sie neue weibliche Wörter zu den maskulinen Oberbegriffen: die Gästin, die Vorständin. Nun taugen die generischen Maskulina nicht mehr zur Unsichtbarmachung. Der Gast, der Vorstand – das müssen wohl Männer sein.

Das Femininum (z.B. „die berühmte Persönlichkeit“) erscheint ihnen dagegen niemals zu weiblich. Generische Feminina werden sogar als Ersatz für maskuline Generika empfohlen (Lehrkraft, Lehrperson). Da erfinden sie natürlich keine männlichen Wörter hinzu. Das ginge auch nicht wirklich gut („Personerich“?).

Es gibt nämlich nur ein Geschlecht, das man mit einer Endung sichtbar machen kann: das weibliche. Dazu verwendet man die Endung „-in“ bzw. „-innen“. Nur dafür ist sie da. Ansonsten hat sie keine Bedeutung.

Gegenüber dem dritten Geschlecht (gibt es eigentlich nur ein weiteres Geschlecht?) finden die Gender-Aktivisten das ungerecht. Da setzen sie einfach noch ein Zeichen oder eine Pause zum weiblichen Wort dazu.

Damit wären nun also zwei Geschlechter sichtbar.

Aber was ist mit dem männlichen Geschlecht?

Das ist angeblich in der weiblichen Form schon enthalten.

Abgesehen davon, dass es damit ja noch nicht sichtbar ist – das ist nur bei den verpönten Klammerformen der Fall: Expert(inn)en. Stimmt das überhaupt? Ist der Arzt schon in der Ärztin enthalten? Der Wanderer in der Wanderin? Der Psychologe in der Psychologin? Sind die Chefs schon Teil der Chefinnen? Die Freunde Teil der Freundinnen? Nein. Männer sind hier unsichtbar.

Bei der Movierung, also der Bildung weiblicher Personenbezeichnungen auf der Grundlage eines generischen Maskulinums, passiert nämlich noch mehr als nur das Anhängen von Buchstaben.

UmlautKöchin, Ärztin, Bäuerin, Gräfin
Apokopierung 1. -e: Orthopädin, Psychologin, Pädagogin, Beamtin, Zeugin, Kollegin, Genossin, Kundin, Russin
2. –er: Bewunderin, Förderinnen, Herausforderin, Hundeflüsterinnen, Kletterin, Kümmerin, Wanderin, Zauberinnen
3. Plural-s: Chefinnen, Clowninnen, Coachinnen
Umlaut + ApokopeSchwäbin, Sächsinnen, Spitzbübin
AkzentverschiebungModeratorin, Kommentatorin, Autorin

Und auch bei der Einfügung eines Sonderzeichens oder der Genderpause passiert noch einiges mehr als das. Lautlich werden hier nämlich nicht die Endungen „-in“ und „-innen“ an ein Wort angehängt, sondern die Wörter in und innen dahintergesetzt. Dadurch kommt es zu folgenden Änderungen

AuslautverhärtungPsycholog*in, Pädagog:innen (K statt G),
Doktorand_in, FreundInnen (T statt D),
Dieb*in, Erb:innen (P statt B),
König_in (CH oder K statt G),
SklavIn, Elev:innen (F statt V),
Chines*in, Französ_innen (stimmloses S statt stimmhaftes)
Vokalisierung des RLehrer*in, Mitarbeiter:innen, Ingenieur_in, BibliothekarInnen
Änderung der SilbengrenzeExpert_innen, Kommiliton*in etc. (eigentlich alle)

Als Ausweg erscheint vielen das substantivierte Partizip, entweder das Partizip Präsens (Dozierende) oder das Partizip Perfekt (Geflüchtete). Geschlechter werden hier allerdings wieder einmal nicht sichtbar, sondern unsichtbar.

Vor allem in der Uni, wo es kaum noch Studenten gibt, sondern nur noch Studierende, hat sich das durchgesetzt.
Dadurch scheint die Welt jetzt schon ein bisschen besser geworden zu sein: Abgesehen davon, dass jetzt alle Studenten auch wirklich studieren und die Dozenten das Dozieren gar nicht mehr lassen können (nicht einmal im Forschungsfreisemester), ist bei den Flüchtlingen jetzt die Flucht schon vorbei, selbst wenn sie noch im Camp auf ihre Weiterreise hoffen. Und ich bin als Sprachforschender endlich auch den Forschern gleichgestellt.

Das Partizip versagt aber zur Hälfte bei seiner neuen Aufgabe, das Geschlecht unsichtbar zu machen. Das gelingt nämlich nur im Plural, der im Deutschen ja ohnehin kein Genus hat. Im Singular schlägt das generische Maskulinum wieder zu:

„Jeder vierte Studierende wohnt wieder im »Hotel Mama«“ (RP-Online.de, 3.3.2021)

„Weitersagen: Was jeder Studierende wissen sollte, um mit dem Geld auszukommen“ (finanztip.de, 5.10.2018)

„Bücher, die jeder Studierende gelesen haben sollte“ (uniglobale.com, 15.7.2019)

„Studie: Jeder vierte Studierende leidet unter starkem Stress“ (fu-berlin.de, 10.10.2018)

„die geschätzte Bearbeitungszeit, die ein Studierender braucht, um…“ (ili.fh-aachen.de, 29.5.2020)

„eine Methode […], die einem einzelnen Studierenden […] individuell zugeschnittene Lernangebote und -möglichkeiten anbietet“ (wiki.ill.uni-halle.de, 21.8.2018)

„Gute Lehre ist egal, ein Studierender braucht die richtige Persönlichkeit“ (link.springer.com, 5.5.2016)

„Jeder zweite Geflüchtete ist psychisch belastet“ (aerzteblatt.de 19.9.19)

„Welcher Geflüchtete darf in Deutschland arbeiten?“ (fkasyl.de)

„Jeder Zugewanderte muss sich, unabhängig von seinem Status oder dem Grund für seinen Aufenthalt, in der Ausländerbehörde melden.“ (landkreis-lueneburg.de, 10.12.15)

„Jeder Kursteilnehmende soll eine eigene Projektidee mit einbringen. “ (https://www.iao.fraunhofer.de/de/presse-und-medien/aktuelles/wie-kmu-von-digital-natives-lernen-koennen.html, 27.3.19)

Das Problem gilt übrigens grundsätzlich für alle substantivierten Adjektive, nicht nur für Partizipien.

„Jeder Rote ist ein Grüner“ (luhze.de, 16.8.2019)