Die Bedeutung eines Wortes liegt in seinem Gebrauch, nicht in seiner Herkunft.

Der Kontext entscheidet, nicht der Klang oder die Schrift, nicht die einzelnen Bestandteile, aus denen der Ausdruck besteht, nicht die Herkunft. Das nennt man seit 100 Jahren „Arbitrarietät“ des Zeichens (seit Saussure).

Ist jemandem, der „bis zur Vergasung“ sagt, also nichts vorzuwerfen?

Die Herkunft des Ausdrucks ist vergleichsweise harmlos. Es geht um den Übergang in den übernächsten Aggregatzustand, von fest zu flüssig zu gasförmig.

Der Ausdruck ist ursprünglich ein Vergleich, genauer eine Metapher: „Wir haben solange geübt, bis wir (quasi) gasförmig wurden.“ Diese witzig gemeinte Übertreibung (Hyperbel) wurde aber bald so gebräuchlich, dass sie sich abnutzte und genauso normal wurde wie die gleichbedeutende Formulierung „bis zum Umfallen“.

Wer den Ausdruck so gebraucht, macht sich zunächst einmal keiner moralischen Verfehlung schuldig.

Dann kam aber der erste Weltkrieg und Gas wurde zu einer Kriegswaffe. Soldaten wurden „vergast“. Und dann kam die Nazizeit und Gas wurde zum Massen-Vernichtungsmittel in den Konzentrationslagern. Der Ausdruck „Vergasung“ erhielt also eine zweite, zutiefst erschreckende und leidvolle Bedeutung. Die ursprüngliche Bedeutung wurde dadurch in den Hintergrund gedrängt.

Welche von den zwei Bedeutungen in dem Ausdruck gemeint ist, kann allerdings in der Metapher nicht geklärt werden, nicht einmal durch den Kontext. Der Witz bei einer Metapher ist ja, dass man einen Begriff aus einem anderen Lebensbereich holt, über den gerade gar nicht gesprochen wird.

Als klärender Kontext bleibt dann nur, wer hier mit wem in welchem Zusammenhang spricht. Freunde wissen, wie man etwas meint, in lockerer Runde muss man auch nicht auf jedes Wort achten. Aber dieser Kontext ist in der Öffentlichkeit weg: Dort hat man nicht nur Freunde und der lockere Tonfall z.B. in einem Fernseh-Sportstudio täuscht.

Die Metapher nachträglich zu erklären, ergibt keinen Sinn. Dann hätte man sie sich auch sparen können.

Und das wäre auch mein Rat:

Sparen Sie sich den Ausdruck. Sie können nicht verhindern, dass er Menschen aufschreckt oder sie unvorbereitet an Leid erinnert.

Dass Dennis Aogo von seinem Job als Fußball-Kommentator zurückgetreten ist, hat aber nicht allein mit diesem Fehler zu tun, für den er sich glaubwürdig entschuldigt hat. Er hat schmerzlich erfahren, dass beim öffentlichen Sprechen jedes Wort auf die Waagschale gelegt wird.

Die, die sich am meisten über unbedachte Formulierungen empören, sind aber gar nicht die Betroffenen. Überall im Internet sitzen Horden von Leuten in ihren Glashäusern und warten darauf, mit Steinen werfen zu können. Reflexartig reagieren sie auf das nächste vermeintlich Unsagbare, das gesagt wird.

Literatur: Wikipedia „Bis zur Vergasung