Im Deutschen gibt es zahlreiche Wörter, die Personen bezeichnen, ohne das Geschlecht zu nennen. Man nennt sie „generisch“.

Es gibt generische Maskulina, Feminina und Neutra:

  • der Mensch, Zwilling, Profi, Boss, Elternteil etc.,
  • die Person, Persönlichkeit, Figur, Waise, Geisel etc.,
  • das Individuum, Genie, Mitglied, Vorbild, Opfer etc.

Wenn ich das Geschlecht dazusagen möchte, nutze ich Adjektive (männlich, weiblich) oder spezielle Begriffe (Väter, weibliche Zwillinge).

Wenn es aber um eine Frau geht, kann ich auch die Endung „-in“ benutzen und ein neues Wort bilden. Das nennt man Movierung. Das tut man bei den genannten Wörtern aber meistens nicht, schon gar nicht bei einem generischen Femininum oder wenn das Wort auf einen Vokal endet (*Geniein, *Personin, *Zwillingin).

„Gast“ ist auch ein generisches Maskulinum. Wenn wir Gäste einladen, denken wir an eine bunte Mischung von Leuten. Trotzdem hört und liest man manchmal „Gästin“, wenn es sich um einen weiblichen Gast handelt.

Was passiert aber mit dem Wort „Gast“, wenn sich „Gästin“ für den weiblichen Gast durchsetzt?

Zunächst nichts. Gast bleibt generisch, während Gästin ausschließlich für Frauen reserviert ist. Etwa so wie bei Frauenparkplätzen. Parkplätze stehen weiterhin allen offen, auch wenn es jetzt spezielle Frauenparkplätze gibt.

Wenn aber immer mehr Frauen als „Gästin“ bezeichnet werden und wir uns daran gewöhnen, erscheint uns „Gast“ bei Frauen irgendwann unpassend. Besonders wenn das parallel mit anderen, ähnlichen Wörtern passiert („Vorständin“).

Mit den Berufs- und Tätigkeitsbezeichnungen ist das so gekommen. Es sind meistens generische Maskulina. Aber einige wurden moviert, zunächst nur die Frau eines Mannes mit dieser Berufsbezeichnung, dann die Frau, die diesen Beruf selbst erlernt hatte.

Trotzdem blieb aber das maskuline Grundwort generisch: Müller und Klöppler blieben die Berufsbezeichnungen für alle Geschlechter, nur wenn man betonen wollte, dass man über reine Frauengruppen oder eine bestimmte Frau sprach, nutzte man die Endung „-innen“ bzw. „-in“. Frauen bildeten also eine Liga für sich, konnten sich aber auch mit allen vergleichen: „Frauen sind die besseren Autofahrer.“ Das gilt im Grunde auch heute noch so.

Jetzt gibt es also ein generisches Wort und ein weibliches. Wie Parkplätze und Frauenparkplätze. Männerparkplätze gibt es nicht. Männliche Tätigkeits- und Berufsbezeichnungen auch nicht: „An roten Ampeln neigen männliche Autofahrer dazu, in der Nase zu popeln.“ Wenn „männlich“ schon in „Autofahrer“ enthalten wäre, könnte man es ohne Informationsverlust weglassen.

Paarformen verwischen diesen klaren Befund. Je häufiger wir sie hören, desto mehr erscheint uns das Maskulinum als männliche Form. Die Ablehnung des generischen Maskulinums verstärkt sich dadurch und mehr Paarformen werden verwendet. Ein Teufelskreis.

Wenn das nicht gestoppt wird, können wir in Zukunft nur noch männliche und weibliche Wörter benutzen. Generika wird es höchstens noch als Neutrum oder Femininum geben. Wie bei Onkel und Tanten, Neffen und Nichten, Cousins und Kusinen. Und die generischen Maskulina werden moviert: Menschin, Profiin, Bösewichtin, Starin, Fanin, Singlin, Engelin, Geekin und eben Gästin.

Man könnte es aber auch wie im Englischen machen und die Endung -in gar nicht mehr verwenden. Wie Nele Pollatschek. Sie nennt sich Schriftsteller und ist ab und zu Gast in Talkshows. Niemals Gästin.