Ein Blog über Sprache

Schlagwort: Rhetorik

Unsagbar: „Die Sprache bestimmt unser Denken“

In dem Roman 1984 von George Orwell wird in einem sozialistischen Überwachungsstaat der Zukunft die Sprache grundlegend umgestaltet, um auch das Denken zu kontrollieren. Der Umbau vom Oldspeak zum Neusprech ist dabei auf Jahrzehnte angelegt.

Orwells Warnung hat wohl bei einigen das Gegenteil erreicht und sie angeregt, etwas Ähnliches zu versuchen.

Denn diese Menschen glauben, wenn erst einmal das neue Gendersprech durchgesetzt wäre, würde die Welt endlich egalitär und divers. Dass sie es bisher nicht ist, liege nur an der alten Sprache, die unser Denken fest im Griff habe.

Abgesehen von der entwaffnenden Frage, wie denn die beachtlichen Fortschritte der letzten 50 Jahre zu erklären seien, stellt sich die grundlegende Frage, ob Sprache denn überhaupt unser Denken beeinflusst.

Da gibt es nur eine Antwort: Sprache nicht. Rhetorik schon.

Euphemismen, Hyperbeln, Fahnenwörter, Stigmawörter und vor allem Metaphern können einen enormen Einfluss auf die Hörer und Leser einer Rede habe.

Wenn dagegen Grammatik eine Wirkung hat, dann nicht die normalen Formen, sondern nur gezielt eingesetzte Abweichungen von der Norm, z.B. die Steigerung eines nicht steigerbaren Wortes („in keinster Weise“), der ungewöhnliche Satzbau: Inversion, Parallelismus, Chiasmus, Polysyndeton etc. oder eben die feministischen Paarformen, die unnötige Präzisierungen darstellen („alle und auch die Frauen“), also in der Rhetorik als Pleonasmen bezeichnet würden.

Gewöhnung führt jedoch zur Wirkungslosigkeit.

Die Macht der Metapher

Rhetorische Figuren werden zwar mit Elementen der Sprache gebildet, aber sie sind Mittel des Textes. Deshalb lassen sich Metaphern, Allegorien, Vergleiche, Personifikationen, Euphemismen, Hyperbeln etc. auch in jede andere Sprache übersetzen.

Metaphern sind Vergleiche. In einer Diskussion sind sie kleine analoge Argumente ohne Beleg. Wenn sie gut gemacht sind, wirken sie anschaulich und plausibel.

Sie können jeder Zeit spontan gebildet werden. Man muss nur einen Begriff aus einem anderen Lebensbereich ins aktuelle Gesprächsthema holen oder zwei Begriffe aus unterschiedlichen Lebensbereichen zusammenfügen („Asylantenflut“).

Diese Wörter stehen zunächst nicht im Wörterbuch. Die Sprache hat sie nicht vorgegeben.

Auch „geschlechtergerechte“ oder „gendersensible Sprache“ sind Neuschöpfungen (Neologismen). Hier wird jeweils ein Fahnenwort („gerecht“, „sensibel“) mit dem eigenen Standpunkt verknüpft, in der Hoffnung, das Wort reiche zur Argumentation aus oder unterstütze sie wenigstens.

Welche Wirkung haben dann aber Alltagsmetaphern? Sie stehen doch im Wörterbuch!?

Auch hier gilt wie bei der abweichenden Grammatik: Bei Gewöhnung geht die Wirkung verloren.

Wir sagen z.B., dass die Sonne aufgeht oder der Mond abnimmt. Glauben wir deshalb, dass die Sonne sich um die Erde dreht oder der Mond bei seiner Diät unter dem Jojo-Effekt leidet? Wenn jemand sagt, dass er „für alles offen ist“ und wir ihn daraufhin „nicht ganz dicht“ nennen, halten wir ihn dann für ein poröses Gefäß?

Die ursprüngliche Bedeutung einer Alltagsmetapher kann – wie in diesen Beispielen – aus der Gewöhnung herausgeholt werden. Das macht Literatur ständig, das passiert in Witzen und das zeigt sogar altbekannte Zusammenhänge zwischen psychischen Belastungen und körperlichen Reaktionen auf, die wir durch die Gewöhnung nicht mehr „auf dem Schirm“ haben: Wir haben viel um die Ohren, etwas macht uns Kopf- oder Bauchschmerzen, es geht uns an die Nieren, wir kriegen einen Hals, graue Haare, Pickel, die Krätze …

Kein Wunder also, dass die Vorstellung, dass Alltagsmetaphern unser Denken unterbewusst beeinflussen würden, so suggestiv ist.

In Wirklichkeit sind nur Metaphern so alltäglich geworden, dass sie nicht mehr in ihrer ursprünglichen Bedeutung wahrgenommen werden.

Die Bedeutung eines Ausdrucks liegt schließlich nicht in seiner Herkunft, sondern in seinem Gebrauch (Arbitrarietät des Zeichens).

Also keine Angst: Wir brauchen keine Alu-Hüte gegen die geheime Wirkung der Alltagsmetaphern. Auch keine Sprachreform.

Gegen tradierte falsche Vorstellungen und Vergleiche und gegen die Manipulation durch Metaphern und Euphemismen hilft nur eins: Aufklärung. Wenn wir wissen, was der Begriff „Konzentrationslager“ in der Wirklichkeit bedeutet, wirkt die ursprüngliche Kraft des Euphemismus bei uns nicht mehr.

Die Mittel der Aufklärung sind daher: die Vermittlung von Erfahrungen sowie glaubhafte Bilder und Erzählungen. Mondlandung, Corona-Virus, Holocaust: Was wir nicht persönlich erlebt haben, müssen wir den Erzählungen und Bildern glauben.

Achten wir darauf, dass die Quellen für alle glaubwürdig bleiben! Medien, die nicht die Sprache der Zuschauer sprechen, werden unglaubwürdig. Wenn unsere Universitätsangehörigen und öffentlich-rechtlichen Journalisten wokes Gendersprech benutzen, entfernen sie sich von dem Großteil der Bevölkerung und zerstören ihre eigene Autorität als unparteiische Quelle.

Literatur: Wikipedia-Artikel „Sapir-Whorf-Hypothese“ und „1984 (Roman)“ sowie Rhetorische Stilmittel bei schreiben.net

Sagbar: generisches Maskulinum und gezielte Paarformen

Seit Jahrzehnten verwenden wir schon umständliche Paarformen wie „Lehrerinnen und Lehrer“. Ist das generische Maskulinum nicht mehr sagbar?

Beides ist sagbar – in unterschiedlichen Situationen.

Zunächst bedeutet die Endung -er keinesfalls „männlich“, sondern nur „ausübend“, „daher stammend“ oder „dazugehörig“. Lehrer üben den Lehrberuf aus, Berliner stammen aus Berlin oder wohnen dort. Diese Endung ist nicht für Männer reserviert, ja, sie wird nicht einmal nur für Menschen gebraucht: „Frankfurter“ oder „Flieger“ können auch Dinge sein.

Frauen können alles sein. Anwalt und Anwältin. Frauen sind sogar die besseren Autofahrer.

Klöppler waren im Mittelalter ausschließlich Frauen. Müllerinnen dagegen waren die Ehefrauen der Müller und hatten eng abgesteckte Aufgaben im Familienbetrieb Mühle.

In Ostdeutschland benutzen Frauen schon immer und heute noch mit Stolz die gleichen Berufsbezeichnungen wie Männer.

Die weiblichen Bundeswehrsoldaten wollen mit den gleichen Dienstgraden angesprochen werden wie ihre männlichen Kollegen. In ihren Augen wäre alles andere Diskriminierung.

Generische Maskulina sind also in Bezug auf Frauen sehr wohl sagbar.

Mehr als das: Im Englischen schafft man die geschlechtsspezifischen Endungen -ess und -ette gerade ab: „actor“, „waiter“, „steward“ sind dadurch jetzt eindeutig generisch. Das gleiche befürwortet Nele Pollatschek auch für das Deutsche. Sie nennt sich Schriftsteller.

Zu Beginn des westdeutschen Feminismus hatte Luise F. Pusch ebenfalls die Abschaffung der diskriminierenden Endung -innen gefordert, konnte sich aber nicht durchsetzen. Ihre Kolleginnen wollten lieber durch die Paarform „sichtbar“ werden.

Und hier liegt das Problem aller generischen Wörter und Formen, keineswegs nur des generischen Maskulinums („Mensch“, „Person“, „Individuum“, „Studierende“, „Forschende“): Sie sind geschlechtsneutral und heben logischerweise nicht hervor, dass auch Frauen dabei sind.

Ich denke, es kann in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll sein, Frauen explizit zu nennen. Zum Beispiel bei der Begrüßung („Damen und Herren“) oder wenn man über Errungenschaften spricht, an denen Frauen beteiligt waren („Väter und Mütter des Grundgesetzes“) oder wenn es um Berufe und Positionen geht, die Frauen noch immer zu wenig zugetraut werden („Astronautinnen und Astronauten“).

Die berühmten Studien zur kindlichen Vorstellung von Männer- und Frauenberufen haben nämlich gezeigt, dass Paarformen in bestimmten Situationen einen Beitrag dazu leisten können, die Stereotype ein wenig aufzubrechen.

Was sie aber – ganz im Gegensatz zu dem, was beabsichtigt war – darüber hinaus aufzeigen, ist, dass es nicht am generischen Maskulinum liegt, dass einige Berufe eher Männern zugetraut werden. Das Ergebnis war bei gleicher Grammatik nämlich für alle Berufe sehr unterschiedlich. Und der Erfolg der Paarformen war gering.

Das ist auch kein Wunder: Vorstellungen werden von Erfahrungen geprägt, von Erlebnissen und von glaubhaften Bildern und Erzählungen, nicht von der Grammatik.

Die Paarform ist eine minimale Erzählung nebenbei, ein rhetorisches Mittel zur Hervorhebung der Anwesenheit von Frauen, mal aus Galanterie, mal zur Aufklärung, nicht mehr und nicht weniger.

Es ergibt aber selten Sinn hervorzuheben, dass auch Frauen Erzieher oder Grundschullehrer werden können oder dass es auch unter Wildpinklern, Terroristen und Vergewaltigern Frauen gibt.

Vor allem aber: Wenn die Paarform zur neutralen Normalform wird, geht die kleine Hervorhebung der Frauen nebenher verloren. Dann hat sie nur die Sprache komplizierter und das generische Maskulinum unhöflich gemacht.

Sagbar sind die Paarformen daher nur, wenn sie ganz gezielt eingesetzt werden, nicht wenn sie das generische Maskulinum ersetzen sollen.

Viel wirkungsvoller aber ist es, die Erfahrung zu vermitteln, dass Frauen alles sein und werden können. Dazu braucht es Erlebnisse sowie glaubhafte Erzählungen und Bilder. Erst dadurch werden Frauen sichtbarer.

Literatur: Wikipedia-Artikel Empiriker (zu Generisches Makulinum)

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