Seit Jahrzehnten verwenden wir schon umständliche Paarformen wie „Lehrerinnen und Lehrer“. Ist das generische Maskulinum nicht mehr sagbar?

Beides ist sagbar – in unterschiedlichen Situationen.

Zunächst bedeutet die Endung -er keinesfalls „männlich“, sondern nur „ausübend“, „daher stammend“ oder „dazugehörig“. Lehrer üben den Lehrberuf aus, Berliner stammen aus Berlin oder wohnen dort. Diese Endung ist nicht für Männer reserviert, ja, sie wird nicht einmal nur für Menschen gebraucht: „Frankfurter“ oder „Flieger“ können auch Dinge sein.

Frauen können alles sein. Anwalt und Anwältin. Frauen sind sogar die besseren Autofahrer.

Klöppler waren im Mittelalter ausschließlich Frauen. Müllerinnen dagegen waren die Ehefrauen der Müller und hatten eng abgesteckte Aufgaben im Familienbetrieb Mühle.

In Ostdeutschland benutzen Frauen schon immer und heute noch mit Stolz die gleichen Berufsbezeichnungen wie Männer.

Die weiblichen Bundeswehrsoldaten wollen mit den gleichen Dienstgraden angesprochen werden wie ihre männlichen Kollegen. In ihren Augen wäre alles andere Diskriminierung.

Generische Maskulina sind also in Bezug auf Frauen sehr wohl sagbar.

Mehr als das: Im Englischen schafft man die geschlechtsspezifischen Endungen -ess und -ette gerade ab: „actor“, „waiter“, „steward“ sind dadurch jetzt eindeutig generisch. Das gleiche befürwortet Nele Pollatschek auch für das Deutsche. Sie nennt sich Schriftsteller.

Zu Beginn des westdeutschen Feminismus hatte Luise F. Pusch ebenfalls die Abschaffung der diskriminierenden Endung -innen gefordert, konnte sich aber nicht durchsetzen. Ihre Kolleginnen wollten lieber durch die Paarform „sichtbar“ werden.

Und hier liegt das Problem aller generischen Wörter und Formen, keineswegs nur des generischen Maskulinums („Mensch“, „Person“, „Individuum“, „Studierende“, „Forschende“): Sie sind geschlechtsneutral und heben logischerweise nicht hervor, dass auch Frauen dabei sind.

Ich denke, es kann in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll sein, Frauen explizit zu nennen. Zum Beispiel bei der Begrüßung („Damen und Herren“) oder wenn man über Errungenschaften spricht, an denen Frauen beteiligt waren („Väter und Mütter des Grundgesetzes“) oder wenn es um Berufe und Positionen geht, die Frauen noch immer zu wenig zugetraut werden („Astronautinnen und Astronauten“).

Die berühmten Studien zur kindlichen Vorstellung von Männer- und Frauenberufen haben nämlich gezeigt, dass Paarformen in bestimmten Situationen einen Beitrag dazu leisten können, die Stereotype ein wenig aufzubrechen.

Was sie aber – ganz im Gegensatz zu dem, was beabsichtigt war – darüber hinaus aufzeigen, ist, dass es nicht am generischen Maskulinum liegt, dass einige Berufe eher Männern zugetraut werden. Das Ergebnis war bei gleicher Grammatik nämlich für alle Berufe sehr unterschiedlich. Und der Erfolg der Paarformen war gering.

Das ist auch kein Wunder: Vorstellungen werden von Erfahrungen geprägt, von Erlebnissen und von glaubhaften Bildern und Erzählungen, nicht von der Grammatik.

Die Paarform ist eine minimale Erzählung nebenbei, ein rhetorisches Mittel zur Hervorhebung der Anwesenheit von Frauen, mal aus Galanterie, mal zur Aufklärung, nicht mehr und nicht weniger.

Es ergibt aber selten Sinn hervorzuheben, dass auch Frauen Erzieher oder Grundschullehrer werden können oder dass es auch unter Wildpinklern, Terroristen und Vergewaltigern Frauen gibt.

Vor allem aber: Wenn die Paarform zur neutralen Normalform wird, geht die kleine Hervorhebung der Frauen nebenher verloren. Dann hat sie nur die Sprache komplizierter und das generische Maskulinum unhöflich gemacht.

Sagbar sind die Paarformen daher nur, wenn sie ganz gezielt eingesetzt werden, nicht wenn sie das generische Maskulinum ersetzen sollen.

Viel wirkungsvoller aber ist es, die Erfahrung zu vermitteln, dass Frauen alles sein und werden können. Dazu braucht es Erlebnisse sowie glaubhafte Erzählungen und Bilder. Erst dadurch werden Frauen sichtbarer.

Literatur: Wikipedia-Artikel Empiriker (zu Generisches Makulinum)