Ein Blog über Sprache

Schlagwort: -innen

Unverwechselbar: Genus und Geschlecht

Wie in unserer Sprache Geschlechter benannt werden

Die deutsche Sprache teilt die Welt nicht in 3 Gruppen ein, erst recht nicht nach Mann, Frau, Sache, wie manche glauben:

männlichweiblichsächlich
TarzanJaneRasiermesser
der Manndie Fraudas Ding
der Kundedie Kundin
Abb. I: Was viele glauben, wie die Sprache die Welt sieht

Menschen und Tiere werden im Deutschen vielmehr wie folgt gegliedert:

Oberbegriff
(generisch)
männlichweiblichnoch nicht
geschlechtsreif
Gruppe
(generisch)
das
Pferd
der
Hengst
die
Stute
das
Fohlen
die
Herde
der Menschder
Mann
die
Frau
das
Kind
die
Leute
der Kundedie Kundindie Kundschaft
Abb. II: Wie die deutsche Sprache tatsächlich Geschlechter darstellt (ausgelassen wurden hier die Kastrierten, für die es beim Pferd auch ein Wort gibt <der Wallach>, bei Kunden jedoch nicht)

Wie bei „Kunde“ gibt es nicht immer ein spezielles Wort für alle Ober- und Unterbegriffe. Benennen kann man sie aber trotzdem. Meist mit Attributen (männlicher Kunde) oder Komposita (Forscher-Kid, Enkelsohn), im Notfall mit Relativsätzen.

Oberbegriffmännlichweiblichnoch nicht geschlechtsreifGruppe
der Mitarbeiterder männliche Mitarbeiterdie Mitarbeiterindas Kind, das mitarbeitetdie Belegschaft
das Geschwisterder Bruderdie Schwesterdas Geschwisterchendie Geschwister
Nicht für alle Ober- und Unterkategorien gibt es eigene Wörter, benennen kann man sie doch

Auch für Sachen gibt es Oberbegriffe, sie werden dann aber nicht nach ihrem Geschlecht unterschieden. Sie haben ja keins. Höchstens ihre Besitzer: Herrenschirm, Damenschirm, Kinderschirm, Lampenschirm.

Woher kommt es jetzt aber, dass viele die völlig irrige Vorstellung haben, die Sprache teile die Welt in männlich, weiblich, sächlich ein?

Eine Verwechslung

Man erzählt ihnen seit Jahrhunderten, die deutsche Sprache kenne drei Geschlechter. Wer Deutsch lernt, wird darauf getrimmt – und hat gehörige Probleme damit. Fragen Sie nur Mark Twain.

In Wirklichkeit hat das Deutsche 3 Genera: Maskulinum, Femininum, Neutrum – der, die, das. Sie werden für alles benutzt: Dinge, Lebewesen, Geschehnisse, Sachverhalte. Nichts bleibt vom Genus verschont, egal ob es ein Geschlecht besitzt oder nicht: der Tisch, die Lampe, das Bett, der Hund, die Katze, das Huhn, der Unsinn, die Wahrheit, das Erlebnis.

Im Plural hat das Deutsche allerdings gar kein Genus.: die Tische, Lampen, Betten, Hunde, Katzen, Hühner. Ein generische Maskulinum hat im Plural nichts Maskulines: die Menschen, Gäste, Freunde, Kollegen, Studenten, Forscher.

Bei Lebewesen gibt es allerdings tatsächlich für bestimmte Begriffe eine Korrelation zwischen Genus und Geschlecht, daher haben die Genusbezeichnungen ja ihren Namen. Sie ist der Grund für die Verwechslung:

Wenn eine Bezeichnung ausschließlich für männliche Exemplare einer Gattung gedacht ist, ist sie meistens ein Maskulinum (Vater, Hahn). Dasselbe gilt für ausschließlich weibliche (Mutter, Henne) und noch nicht geschlechtsreife Lebewesen (Kind, Küken). Kastrierte bleiben allerdings trotz der Operation Maskulina (Eunuch, Kapaun). Es gibt ein paar Ausnahmen ohne Korrelation: die Drohne, der Welpe, das Weib, die Memme.

Wie gesagt: Die Korrelation zwischen Genus und Geschlecht gilt nur für Bezeichnungen, die zur Unterscheidung nach Geschlecht gedacht sind. Das ist also nicht so überraschend.

Die Korrelation gilt aber keineswegs für die Oberbegriffe. Diese können Maskulina, Feminina und Neutra sein. Man nennt sie daher „generisch“ („allgemeingültig“).

MaskulinumFemininumNeutrum
Mensch, Kumpel, SinglePerson, Wache, WaiseIndividuum, Wesen, Mitglied
Beispiele für generische Maskulina, Feminina und Neutra

Auch die unzähligen Wortbildungen mit der Endung „-er“ sind Oberbegriffe (also „generisch“), sie sind nicht zur Unterscheidung nach Geschlecht gedacht. Sie beziehen sich nicht einmal nur auf Menschen: Flieger, Berliner, Engländer, Benziner.

Der kleine Unterschied

Es gibt aber eine Endung, die hat gar keine andere Aufgabe als nach dem Geschlecht zu unterscheiden, sie bedeutet nur eins: „weiblich“.

Das ist die Endung „-in“ (im Plural „-innen“). Aus jedem Oberbegriff werden mit ihrer Hilfe die weiblichen Exemplare aus der Kategorie herausgehoben: Die Kundin ist ein weiblicher Kunde, die Autofahrerin ein weiblicher Autofahrer, die Kätzin eine weibliche Katze und sogar die Mitgliedin ein weibliches Mitglied etc. Diese Wörter sind alle Feminina, hier korrelieren also Genus und Geschlecht, weil es darum ja auch geht.

Für Männer gibt es auch so eine Endung: „-rich“. Sie wird aber kaum gebraucht und wenn, dann nur bei Tieren (Mäuserich, Gänserich). Bei Menschen würde sie daher albern klingen (*Hebammerich, *Politesserich). Man würde aber verstehen, was gemeint ist: eine männliche Hebamme bzw. Politesse.

Auf die Endung kann man allerdings verzichten, dann muss man stattdessen das Adjektiv „männlich“ hinzufügen.

Dass „männlicher Autofahrer“ keine Tautologie ist, zeigt der folgende Satz: „Vor roten Ampeln neigen männliche Autofahrer dazu, in der Nase zu popeln.“ Ohne das Adjektiv „männliche“ wären alle Autofahrer gemeint, auch die Frauen. Anders bei „weibliche Autofahrerinnen“: Das Adjektiv steckt schon in der Endung, eins von beiden kann problemlos weggelassen werden. Eine reine Tautologie.

Noch eine Verwechslung

Bei diesem Thema gibt es eine zweite weit verbreitete Verwechslung: Wortbildung ist nicht Grammatik, man bildet mit „-in“ und „-rich“ nicht das Femininum und Maskulinum zu einem Nomen. Man erfindet ein neues Wort!

Zu den generischen Maskulina erfindet man weibliche Wörter hinzu, die nicht zufällig Feminina sind: zum Autofahrer die Autofahrerin, zum Studenten die Studentin.

Das ist so ähnlich wie bei den Parkplätzen im Parkhaus. Wenn man einige von ihnen für Frauen reserviert, werden diese zu Frauenparkplätzen.

Das jeweils neue Wort ist dann der Unterbegriff zu dem Ursprungswort. Es bezeichnet z. B. eine besondere Art Autofahrer, Student, Parkplatz.

Die Oberbegriffe bleiben aber für alle zugänglich. So machten die neuen Frauenparkplätze nicht die anderen Parkplätze zu Männerparkplätzen und die Erfindung der Herrentorte verwandelte nicht alle anderen Torten in Damentorten und die Entdeckung der Männergrippe ließ die anderen Infekte nicht zu Frauengrippen werden.

Man kann Wörter mit den Endungen „-in“ und „-rich“ übrigens ganz spontan erfinden und trotzdem verstehen die Menschen die neuen Wörter: Mitgliederich, Kumpelin, Bäumerich und Bäumin. Aktuelle Neuschöpfungen im Duden sind z.B. Gästin, Vorständin, Bösewichtin.

Die feministische Sprachkritik behauptet trotz allem, der Oberbegriff sei – allerdings nur im Falle eines Maskulinums! – der geschlechtsspezifische Begriff. Sogar die aktuelle Duden-Redaktion kolportiert neuerdings dieses alternative Faktum.

Damit wird die Forderung begründet, dass man den weiblichen Begriff immer zu einem maskulinen Oberbegriff dazusagen müsse, um alle anzusprechen („Autofahrerinnen und Autofahrer“). So als müsse man zu „Parkplätze“ immer auch „Frauenparkplätze“ und zu „Torten“ immer auch „Herrentorten“ dazusagen, damit wirklich alle Parkplätze und Torten gemeint sind.

Sie kommen aber nie auf die Idee, dass ein Femininum als Oberbegriff oder Gruppenname nur die Frauen meine (Person, Persönlichkeit, Geisel, Kundschaft, Familie, Herde) oder ein generisches Neutrum sich nur auf noch nicht geschlechtsreife Personen beziehe (Individuum, Wesen, Genie). Sonst müsste man am Ende noch „Personen und Personeriche“ sagen oder „Genies, Genieriche und Genieinnen“.

Nicht auszudenken, wenn weitere Geschlechter-Endungen hinzuträten! Bei jeder Personenbezeichnung würde die Liste immer länger wie die Bezeichnung der LGBT+-Community.

Literatur: Wikipedia-Artikel „Liste der Bezeichnungen für Haus- und Wildtiere

Sagbar: generisches Maskulinum und gezielte Paarformen

Seit Jahrzehnten verwenden wir schon umständliche Paarformen wie „Lehrerinnen und Lehrer“. Ist das generische Maskulinum nicht mehr sagbar?

Beides ist sagbar – in unterschiedlichen Situationen.

Zunächst bedeutet die Endung -er keinesfalls „männlich“, sondern nur „ausübend“, „daher stammend“ oder „dazugehörig“. Lehrer üben den Lehrberuf aus, Berliner stammen aus Berlin oder wohnen dort. Diese Endung ist nicht für Männer reserviert, ja, sie wird nicht einmal nur für Menschen gebraucht: „Frankfurter“ oder „Flieger“ können auch Dinge sein.

Frauen können alles sein. Anwalt und Anwältin. Frauen sind sogar die besseren Autofahrer.

Klöppler waren im Mittelalter ausschließlich Frauen. Müllerinnen dagegen waren die Ehefrauen der Müller und hatten eng abgesteckte Aufgaben im Familienbetrieb Mühle.

In Ostdeutschland benutzen Frauen schon immer und heute noch mit Stolz die gleichen Berufsbezeichnungen wie Männer.

Die weiblichen Bundeswehrsoldaten wollen mit den gleichen Dienstgraden angesprochen werden wie ihre männlichen Kollegen. In ihren Augen wäre alles andere Diskriminierung.

Generische Maskulina sind also in Bezug auf Frauen sehr wohl sagbar.

Mehr als das: Im Englischen schafft man die geschlechtsspezifischen Endungen -ess und -ette gerade ab: „actor“, „waiter“, „steward“ sind dadurch jetzt eindeutig generisch. Das gleiche befürwortet Nele Pollatschek auch für das Deutsche. Sie nennt sich Schriftsteller.

Zu Beginn des westdeutschen Feminismus hatte Luise F. Pusch ebenfalls die Abschaffung der diskriminierenden Endung -innen gefordert, konnte sich aber nicht durchsetzen. Ihre Kolleginnen wollten lieber durch die Paarform „sichtbar“ werden.

Und hier liegt das Problem aller generischen Wörter und Formen, keineswegs nur des generischen Maskulinums („Mensch“, „Person“, „Individuum“, „Studierende“, „Forschende“): Sie sind geschlechtsneutral und heben logischerweise nicht hervor, dass auch Frauen dabei sind.

Ich denke, es kann in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll sein, Frauen explizit zu nennen. Zum Beispiel bei der Begrüßung („Damen und Herren“) oder wenn man über Errungenschaften spricht, an denen Frauen beteiligt waren („Väter und Mütter des Grundgesetzes“) oder wenn es um Berufe und Positionen geht, die Frauen noch immer zu wenig zugetraut werden („Astronautinnen und Astronauten“).

Die berühmten Studien zur kindlichen Vorstellung von Männer- und Frauenberufen haben nämlich gezeigt, dass Paarformen in bestimmten Situationen einen Beitrag dazu leisten können, die Stereotype ein wenig aufzubrechen.

Was sie aber – ganz im Gegensatz zu dem, was beabsichtigt war – darüber hinaus aufzeigen, ist, dass es nicht am generischen Maskulinum liegt, dass einige Berufe eher Männern zugetraut werden. Das Ergebnis war bei gleicher Grammatik nämlich für alle Berufe sehr unterschiedlich. Und der Erfolg der Paarformen war gering.

Das ist auch kein Wunder: Vorstellungen werden von Erfahrungen geprägt, von Erlebnissen und von glaubhaften Bildern und Erzählungen, nicht von der Grammatik.

Die Paarform ist eine minimale Erzählung nebenbei, ein rhetorisches Mittel zur Hervorhebung der Anwesenheit von Frauen, mal aus Galanterie, mal zur Aufklärung, nicht mehr und nicht weniger.

Es ergibt aber selten Sinn hervorzuheben, dass auch Frauen Erzieher oder Grundschullehrer werden können oder dass es auch unter Wildpinklern, Terroristen und Vergewaltigern Frauen gibt.

Vor allem aber: Wenn die Paarform zur neutralen Normalform wird, geht die kleine Hervorhebung der Frauen nebenher verloren. Dann hat sie nur die Sprache komplizierter und das generische Maskulinum unhöflich gemacht.

Sagbar sind die Paarformen daher nur, wenn sie ganz gezielt eingesetzt werden, nicht wenn sie das generische Maskulinum ersetzen sollen.

Viel wirkungsvoller aber ist es, die Erfahrung zu vermitteln, dass Frauen alles sein und werden können. Dazu braucht es Erlebnisse sowie glaubhafte Erzählungen und Bilder. Erst dadurch werden Frauen sichtbarer.

Literatur: Wikipedia-Artikel Empiriker (zu Generisches Makulinum)

Unaussprechlich: die Gender-Pause

Das Deutsche klingt für viele Außenstehende hart. Ein Grund ist, dass wir Wörter, die mit Vokal anfangen (aber, Ober, Eber, über) mit einem Glottisschlag einleiten. Das ist das plötzliche Öffnen der Stimmlippen, bevor der Vokal anfangt.

Das machen wir ganz automatisch, ohne dass es uns bewusst ist. Der Glottisschlag lässt sich daher schwer unterdrücken: Das macht ihn zu einem Merkmal, an dem man den deutschen Akzent in Fremdsprachen erkennt.

Die Wörter „innen“ (das Gegenteil von „außen“) und „in“ (eine Präposition wie an, auf, über) werden ebenfalls mit Glottisschlag begonnen.

Wenn man nun versucht, eine Genderpause zu machen und danach die gleichnamigen Suffixe -in und -innen auszusprechen, stellt sich der Glottisschlag ein und man spricht unwillkürlich die Wörter „innen“ und „in“ aus. Wenn jemand sagt: „In unserem Aussichtslokal mit Terrasse beschäftigen wir zwanzig Mitarbeiter:innen“, fragt sein Gesprächspartner sicher nach der Anzahl der Mitarbeiter außen.

Dieses Verständnis liegt auch deshalb nahe, weil vor dem Glottisschlag Wortende-Signale nahezu unvermeidlich sind. Das sind lautliche Veränderungen, die klarmachen, dass das Wort zu Ende ist, wie z.B. die fehlende Aussprache des R und die Auslautverhärtung bei „Psycholog*innen“ (mit K statt G).

Ein unbetontes E [ə︎] mit Genderpause davor erscheint als Signal der Verlegenheit oder der Wortsuche (meist „äh“ geschrieben). Wer den Gender-Ausdruck „ein*e Mitarbeiter:in der Haushaltsabteilung“ aussprechen will, spricht also unwillkürlich „ein äh Mitarbeiter in der Haushaltsabteilung“ aus.

Korrektes Gendern nach Anatol Stefanowitsch soll diese Wortende-Signale vermeiden, erfordert also einiges an Sprach-Artistik und ist entsprechend selten.

Am Ende eines Wortes (wie von Luise F. Pusch vorgeschlagen) kann das Gender-Zeichen schon einmal gar nicht ausgesprochen werden. Es gibt zwar den Glottisschlag am Wortende, aber nur in den Interjektionen „so!“ und „tja!“ und da braucht es einen Vokal am Ende, mit einem N geht es nicht.

Die Gender-Pause ist also im wörtlichen Sinne unaussprechlich..

Gender-Aktivisten glauben nur oder tun so, als ob sie die Gender-Pause aussprechen. Sie setzen die Wörter „innen“ und „in“ hinter den Stamm der weiblichen Form (Expert innen, Berliner innen) und bauen auf den Kontext. Dadurch wird sich das Gehirn die Fehler schon zurechtbiegen und so klärt sich die Verwirrung, ob z.B. „Berliner Innenverwaltung“ oder „Berliner:innen-Verwaltung“ gemeint ist.

Dem generischen Maskulinum jedoch billigen sie die Klärung durch den Kontext nicht zu. In den berühmten psycholinguistischen Studien messen sie sogar, wie viele Millisekunden es braucht, bis ambigue (mehrdeutige) Formulierungen richtig verstanden werden und verwenden das als Argument gegen das generische Maskulinum..

Für die Klärung, ob in eine „Fußgängerzone“ tatsächlich nur Männer eingelassen werden, braucht es exakt 0,0 Millisekunden. Wie lange braucht es wohl, bis „FußgängerInnenzone“ richtig interpretiert wird?

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