Ein Blog über Sprache

Schlagwort: geschlechtergerechte

Unsäglich: sprachlicher Rassismus

Wahrscheinlich renne ich offene Türen ein, wenn ich sage, dass Sprachpurismus eine Art sprachlicher Rassismus ist. Der Sprachpurist fremdelt nicht nur mit fremden Wörtern, er will Fremdwörter systematisch ausmerzen, weil er findet, dass sie nicht dazugehören. Auch wenn sie gar nicht als fremd wahrgenommen werden. Die Abstammung ist entscheidend.

Nun ist Deutsch aber eine Einwanderungssprache. Über die Jahrhunderte ist es beeinflusst worden von Nachbarsprachen, überregionalen Verkehrs-, Kultur- und Wissenschaftssprachen. Und mit neuen Dingen wanderten auch neue Wörter ein. 

Wenn fremde Wörter schließlich heimisch werden wie die „Nase“ oder der „Keks“, dann haben eigentlich nur Extremisten etwas gegen sie. Diese könnte man sprachliche Rassisten nennen.

Allerdings gibt es auch eine weitere Spielart des sprachlichen Rassismus. Der Glaube, eine Sprache sei der anderen über- oder unterlegen. Chauvinismus wäre ein passender Begriff.

Der Ausdruck „Barbar“ ist ein Zeugnis davon. Die fremde Sprache ist reines Blabla, sie ist gar nicht wert, eine Sprache zu heißen. Wer so spricht, hat keine Kultur.

Die Annahme, dass Steinzeitmenschen nur unartikulierte Laute ausgestoßen hätten, ist auch solch ein Ausweis von sprachlicher Überheblichkeit. 

In Wirklichkeit gibt es aber gar keine minderwertigen Sprachen, es gab sie nie. 

In allen Sprachen der Welt konnte und kann man alles sagen. Übersetzungen erfordern zwar Kunstfertigkeit und wo eine Sprache ein einzelnes Wort hat, muss man bei der Übersetzung in der anderen Sprache zwei oder mehr Wörter verwenden, unübersetzbar ist aber nichts. Die Bibel erscheint mir als ein gutes Beispiel.

Neuerdings gibt es allerdings Stimmen, die den Übersetzern ihre Kunstfertigkeit absprechen. Akzeptiert wird eine Übersetzung nur noch, wenn der Übersetzer eine ähnliche Identität besitzt wie der Autor des Originals. Aber das ist ein anderes Thema.

Was mich besonders beschäftigt, ist die Ansicht, einzelne Sprachen seien anderen moralisch überlegen. Sie seien weniger sexistisch, weniger rassistisch, weniger kolonialistisch. Über Finnisch wird so etwas ständig gesagt.

Das ist ebenfalls chauvinistisch, also eine Art sprachlicher Rassismus. Es ist nicht viel besser, als Hautfarben moralisch auf- und abzuwerten. Niemand ist besser, nur weil er eine bestimmte Hautfarbe besitzt oder eine bestimmte Sprache spricht. 

Moralisch kann nur der einzelne Mensch sein, sein Handeln, seine Äußerungen und seine Texte. 

Eine Sprache „gerecht“ zu nennen, ist blanker Chauvinismus. Das sagt den anderen: Ihr seid Barbaren, eure Sprache ist minderwertig. 

Gewollt ist das vielleicht nicht, das möchte ich niemandem unterstellen, es ist ursprünglich wohl Propaganda für die Verwendung eines dilettantisch zusammengestoppelten Gender-Esperanto – in der Wirkung ist es aber beleidigend.

Wie immer hat auch dieses chauvinistische Überlegenheitsgefühl überhaupt kein Fundament. 

Zur angeblich egalitärsten aller Sprachen möchte ich hier die Wiener genderlinguistische, feministische Wissenschaftlerin Liisa Tainio zitieren:

„Die finnische Sprache kann in einer Weise verwendet werden, die als sexistisch, ungleich und sogar frauenfeindlich angesehen werden kann. Darüber hinaus ist die Arbeit an der Gleichstellung der Geschlechter in Finnland, auch wenn sie wichtig war und einige Erfolge erzielt hat, keineswegs abgeschlossen. Tatsächlich könnte man leicht behaupten, dass die Ungleichheit der Geschlechter in mancher Hinsicht in den letzten Jahren nicht ab-, sondern zugenommen hat (siehe z. B. Raevaara 2005).“ 

Dies ist eine Übersetzung des folgenden englischen Originals:

„Finnish can be used in ways that can be regarded as sexist, unequal, and even misogynist. In addition, even if the work on gender equality in Finland has been vital and has had some success, it is in no way finished. In fact, one could easily claim that in some respects the inequality of the sexes has not diminished but increased during the last years (see e.g. Raevaara 2005).“

Liisa Tainio: Gender in Finnish Language Use: Equal, Inequal and/or Queer?

Online in: https://webfu.univie.ac.at/texte/tainio.pdf (1.7.21)

Unsagbar: „geschlechtergerecht“

„Geschlechtergerechte Sprache“ ist ungerecht.

Der Name sagt den Menschen: „Eure Sprache ist böse, unsere Sprache ist gut. Deshalb sind wir besser als ihr.“

Auch „achtsam“ ist diese Sprache nicht. Im Namen der Achtsamkeit werden die Menschen missachtet, die ihre Sprache lieben. Sie gehören offensichtlich nicht zu denen, auf die man Rücksicht nehmen muss.

Im Gegenteil: Sie sind der Feind im Kulturkampf um die Frage, was man sagen darf und wie man es sagen muss.

„Selbstgerechte Sprache“ wäre der treffendere Name.

Gendern mit Genderzeichen und Glottisschlag macht Frauen nicht sichtbar. Man hört und sieht nur noch die Selbstgerechtigkeit.

Männer werden überdies oft unsichtbar gemacht: „Expert:innen“ – Wo bleiben die Experten? Chef*innen – Wo sind die Chefs? „Wander_innen“ – Wo sind die Wanderer?

Die Schreibung „Kolleg(inn)en“ würde Männer und Frauen zeigen. Und Klammern wären auch kein schlechteres Symbol als ein Unterstrich, ein Stern oder ein Doppelpunkt. Klammern verstoßen nicht einmal gegen die Rechtschreibung.

Auch Paarformen sind besser. Sie sind ein rhetorisches Mittel, eine Tautologie, um Frauen sichtbar zu machen: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – alle und die Frauen.

Gendersprache ist schlechter als all das. „Schlechter gerechte Sprache“ wäre also ein besserer Name.

Unsere gemeinsame Sprache hat uns bisher immer gute Dienste geleistet. Man kann mit ihr alles sagen, was man will. Man kann mit ihr alles denken, sich alles ausdenken, eine bessere Welt und Verschwörungstheorien.

Aber sie ist nicht besser als andere Sprachen, auch nicht besser als Gendersprache. Es gibt keine besseren und schlechteren Sprachen. Aber es gibt gemeinsame Sprachen und Sondersprachen. Sprachen, die sich absondern. Gendersprache ist so eine Sondersprache.

Unsere gemeinsame Sprache hat es uns möglich gemacht, mit anderen über alles zu streiten, auch mit Andersdenkenden. Sobald uns die Sprache trennt, können wir das nicht mehr. Wir können uns nicht einmal mehr zuhören. 

Sprechen wir also lieber wieder „gemeinsame Sprache“! Und streiten wir uns um die Lösungen für Probleme unserer gemeinsamen Welt.

Gemeinsame Sprache hat den Kit, der zusammenhält, auch wenn alles auseinanderdriftet. Sprachliches Gluten, sozusagen. Aber manche sind allergisch gegen den Kleber, er macht sie krank.

Vielleicht wäre „glutenfreie Sprache“ ein treffender Ausdruck.

Unlesbar: Der*Des Kaiser*in*s neue Wörter

Das Märchen von der geschlechtergerechten Sprache frei nach Hans-Christian Andersen*datter

Der*Des Kaiser*in*s neue Wörter

Es war einmal ein*e Herrschende*r, der*die sich gern in neue Worte kleiden wollte, um gerechter zu erscheinen. Er*Sie fiel auf einige Trickbetrüger*innen herein, die sich als Wortweber*innen ausgaben. Deren Wortkreationen waren angeblich nicht nur gerechter, sondern auch in der Lage, den*diejenige*n, der*die sie nicht verstehen konnte, als dumm und für sein*ihr Amt ungeeignet zu entlarven. Der*Die Herrschende, der*die die neuen Wörter in Wirklichkeit selbst nicht verstand, ernannte diese Art der Wortweber*innen*ei zur Wissenschaft und besoldete die Trickbetrüger*innen fürst*innen*lich

Als der*die Kaiser*in eine Ansprache an sein*ihr Volk hielt und dabei die neuen Wörter verwendete, wollte niemand*in zugeben, dass er*sie der Rede nicht folgen konnte, bis auf einmal ein Kind laut lachte und rief: „Das sind ja gar keine Wörter!“

Falls jemand*in das nicht versteht, hier eine Version mit hoffnungslos veralteten Wörtern:

Des Kaisers neue Wörter

Es war einmal ein Herrscher, der sich gern in neue Worte kleiden wollte, um gerechter zu erscheinen. Er fiel auf einige Trickbetrüger herein, die sich als Wortweber ausgaben. Deren Wortkreationen waren angeblich nicht nur gerechter, sondern auch in der Lage, denjenigen, der sie nicht verstehen konnte, als dumm und für sein Amt ungeeignet zu entlarven. Der Herrscher, der die neuen Wörter in Wirklichkeit selbst nicht verstand, ernannte diese Art der Wortweberei zur Wissenschaft und besoldete die Trickbetrüger fürstlich.

Als der Kaiser eine Ansprache an sein Volk hielt und dabei die neuen Wörter verwendete, wollte niemand zugeben, dass er der Rede nicht folgen konnte, bis auf einmal ein Kind laut lachte und rief: „Das sind ja gar keine Wörter!“

(frei nach Hans-Christian Andersen)

© 2022 sagbar

Theme von Anders NorénHoch ↑