Ein Blog über Sprache

Schlagwort: Gendern

Sagbar: Einmannpackungen

Der Presse entnahm ich heute, dass die Bundeswehr es für unzeitgemäß hält, den Begriff „Einmannpackung“ zu verwenden.

Wahrscheinlich hatte die Gleichstellungsbeauftragte mal wieder zu viel Zeit und zu wenig Ahnung.

Ich darf Ihnen versichern, „Mann“ ist an dieser Stelle genauso wenig geschlechtsspezifisch wie in den Ausdrücken „Mannschaft“, „unbemannt“ oder „Oh, Mann!“

„Mann“ wird zur Mengenangabe benutzt: Einmannsegler, Zweimannzelt, 200 Mann Besatzung etc. Die äußerliche Besonderheit ist, dass es nur im Singular benutzt wird. Damit steht es in einer Reihe mit „Stück“, „Kilo“, „Euro“ etc.

„Zweimännerpackungen“ wird es also nie geben.

Es wird nicht lange dauern und die Gleichstellungsbeauftragte der Bundeswehr wird auch „Mensch“ und „man“ für nicht mehr zeitgemäß halten, da sich beides von „Mann“ ableitet, nur notdürftig von der Schreibung versteckt. „Einmenschpackung“ wäre also nur vorübergehend eine Alternative.

Meine Anregung wäre daher: Vielleicht sollte man lieber überlegen, ob Gleichstellungsbeauftragte noch zeitgemäß sind. Sie haben offensichtlich nichts Wichtiges zu tun.

Unsäglich: sprachlicher Rassismus

Wahrscheinlich renne ich offene Türen ein, wenn ich sage, dass Sprachpurismus eine Art sprachlicher Rassismus ist. Der Sprachpurist fremdelt nicht nur mit fremden Wörtern, er will Fremdwörter systematisch ausmerzen, weil er findet, dass sie nicht dazugehören. Auch wenn sie gar nicht als fremd wahrgenommen werden. Die Abstammung ist entscheidend.

Nun ist Deutsch aber eine Einwanderungssprache. Über die Jahrhunderte ist es beeinflusst worden von Nachbarsprachen, überregionalen Verkehrs-, Kultur- und Wissenschaftssprachen. Und mit neuen Dingen wanderten auch neue Wörter ein. 

Wenn fremde Wörter schließlich heimisch werden wie die „Nase“ oder der „Keks“, dann haben eigentlich nur Extremisten etwas gegen sie. Diese könnte man sprachliche Rassisten nennen.

Allerdings gibt es auch eine weitere Spielart des sprachlichen Rassismus. Der Glaube, eine Sprache sei der anderen über- oder unterlegen. Chauvinismus wäre ein passender Begriff.

Der Ausdruck „Barbar“ ist ein Zeugnis davon. Die fremde Sprache ist reines Blabla, sie ist gar nicht wert, eine Sprache zu heißen. Wer so spricht, hat keine Kultur.

Die Annahme, dass Steinzeitmenschen nur unartikulierte Laute ausgestoßen hätten, ist auch solch ein Ausweis von sprachlicher Überheblichkeit. 

In Wirklichkeit gibt es aber gar keine minderwertigen Sprachen, es gab sie nie. 

In allen Sprachen der Welt konnte und kann man alles sagen. Übersetzungen erfordern zwar Kunstfertigkeit und wo eine Sprache ein einzelnes Wort hat, muss man bei der Übersetzung in der anderen Sprache zwei oder mehr Wörter verwenden, unübersetzbar ist aber nichts. Die Bibel erscheint mir als ein gutes Beispiel.

Neuerdings gibt es allerdings Stimmen, die den Übersetzern ihre Kunstfertigkeit absprechen. Akzeptiert wird eine Übersetzung nur noch, wenn der Übersetzer eine ähnliche Identität besitzt wie der Autor des Originals. Aber das ist ein anderes Thema.

Was mich besonders beschäftigt, ist die Ansicht, einzelne Sprachen seien anderen moralisch überlegen. Sie seien weniger sexistisch, weniger rassistisch, weniger kolonialistisch. Über Finnisch wird so etwas ständig gesagt.

Das ist ebenfalls chauvinistisch, also eine Art sprachlicher Rassismus. Es ist nicht viel besser, als Hautfarben moralisch auf- und abzuwerten. Niemand ist besser, nur weil er eine bestimmte Hautfarbe besitzt oder eine bestimmte Sprache spricht. 

Moralisch kann nur der einzelne Mensch sein, sein Handeln, seine Äußerungen und seine Texte. 

Eine Sprache „gerecht“ zu nennen, ist blanker Chauvinismus. Das sagt den anderen: Ihr seid Barbaren, eure Sprache ist minderwertig. 

Gewollt ist das vielleicht nicht, das möchte ich niemandem unterstellen, es ist ursprünglich wohl Propaganda für die Verwendung eines dilettantisch zusammengestoppelten Gender-Esperanto – in der Wirkung ist es aber beleidigend.

Wie immer hat auch dieses chauvinistische Überlegenheitsgefühl überhaupt kein Fundament. 

Zur angeblich egalitärsten aller Sprachen möchte ich hier die Wiener genderlinguistische, feministische Wissenschaftlerin Liisa Tainio zitieren:

„Die finnische Sprache kann in einer Weise verwendet werden, die als sexistisch, ungleich und sogar frauenfeindlich angesehen werden kann. Darüber hinaus ist die Arbeit an der Gleichstellung der Geschlechter in Finnland, auch wenn sie wichtig war und einige Erfolge erzielt hat, keineswegs abgeschlossen. Tatsächlich könnte man leicht behaupten, dass die Ungleichheit der Geschlechter in mancher Hinsicht in den letzten Jahren nicht ab-, sondern zugenommen hat (siehe z. B. Raevaara 2005).“ 

Dies ist eine Übersetzung des folgenden englischen Originals:

„Finnish can be used in ways that can be regarded as sexist, unequal, and even misogynist. In addition, even if the work on gender equality in Finland has been vital and has had some success, it is in no way finished. In fact, one could easily claim that in some respects the inequality of the sexes has not diminished but increased during the last years (see e.g. Raevaara 2005).“

Liisa Tainio: Gender in Finnish Language Use: Equal, Inequal and/or Queer?

Online in: https://webfu.univie.ac.at/texte/tainio.pdf (1.7.21)

Unsagbar: „geschlechtergerecht“

„Geschlechtergerechte Sprache“ ist ungerecht.

Der Name sagt den Menschen: „Eure Sprache ist böse, unsere Sprache ist gut. Deshalb sind wir besser als ihr.“

Auch „achtsam“ ist diese Sprache nicht. Im Namen der Achtsamkeit werden die Menschen missachtet, die ihre Sprache lieben. Sie gehören offensichtlich nicht zu denen, auf die man Rücksicht nehmen muss.

Im Gegenteil: Sie sind der Feind im Kulturkampf um die Frage, was man sagen darf und wie man es sagen muss.

„Selbstgerechte Sprache“ wäre der treffendere Name.

Gendern mit Genderzeichen und Glottisschlag macht Frauen nicht sichtbar. Man hört und sieht nur noch die Selbstgerechtigkeit.

Männer werden überdies oft unsichtbar gemacht: „Expert:innen“ – Wo bleiben die Experten? Chef*innen – Wo sind die Chefs? „Wander_innen“ – Wo sind die Wanderer?

Die Schreibung „Kolleg(inn)en“ würde Männer und Frauen zeigen. Und Klammern wären auch kein schlechteres Symbol als ein Unterstrich, ein Stern oder ein Doppelpunkt. Klammern verstoßen nicht einmal gegen die Rechtschreibung.

Auch Paarformen sind besser. Sie sind ein rhetorisches Mittel, eine Tautologie, um Frauen sichtbar zu machen: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – alle und die Frauen.

Gendersprache ist schlechter als all das. „Schlechter gerechte Sprache“ wäre also ein besserer Name.

Unsere gemeinsame Sprache hat uns bisher immer gute Dienste geleistet. Man kann mit ihr alles sagen, was man will. Man kann mit ihr alles denken, sich alles ausdenken, eine bessere Welt und Verschwörungstheorien.

Aber sie ist nicht besser als andere Sprachen, auch nicht besser als Gendersprache. Es gibt keine besseren und schlechteren Sprachen. Aber es gibt gemeinsame Sprachen und Sondersprachen. Sprachen, die sich absondern. Gendersprache ist so eine Sondersprache.

Unsere gemeinsame Sprache hat es uns möglich gemacht, mit anderen über alles zu streiten, auch mit Andersdenkenden. Sobald uns die Sprache trennt, können wir das nicht mehr. Wir können uns nicht einmal mehr zuhören. 

Sprechen wir also lieber wieder „gemeinsame Sprache“! Und streiten wir uns um die Lösungen für Probleme unserer gemeinsamen Welt.

Gemeinsame Sprache hat den Kit, der zusammenhält, auch wenn alles auseinanderdriftet. Sprachliches Gluten, sozusagen. Aber manche sind allergisch gegen den Kleber, er macht sie krank.

Vielleicht wäre „glutenfreie Sprache“ ein treffender Ausdruck.

Unsichtbar: Wo Genderformen versagen

Genderformen sollen alle Geschlechter entweder sichtbar oder unsichtbar machen. Das sind allerdings zwei widerstreitende Ziele. Mit geschlechtslosen Wörtern kann man kein Geschlecht hervorheben.

Unsichtbar ist einfach: Man benutzt generische Wörter, Maskulina, Feminina und Neutra: der Mensch, die Person, das Individuum.

Gender-Aktivisten ist das Maskulinum aber schon zu männlich (der Talkshow-Gast). So als wäre ein Gast allein schon deshalb eher ein Mann als eine Frau, weil es „der Gast“ heißt.

Deshalb erfinden sie neue weibliche Wörter zu den maskulinen Oberbegriffen: die Gästin, die Vorständin. Nun taugen die generischen Maskulina nicht mehr zur Unsichtbarmachung. Der Gast, der Vorstand – das müssen wohl Männer sein.

Das Femininum (z.B. „die berühmte Persönlichkeit“) erscheint ihnen dagegen niemals zu weiblich. Generische Feminina werden sogar als Ersatz für maskuline Generika empfohlen (Lehrkraft, Lehrperson). Da erfinden sie natürlich keine männlichen Wörter hinzu. Das ginge auch nicht wirklich gut („Personerich“?).

Es gibt nämlich nur ein Geschlecht, das man mit einer Endung sichtbar machen kann: das weibliche. Dazu verwendet man die Endung „-in“ bzw. „-innen“. Nur dafür ist sie da. Ansonsten hat sie keine Bedeutung.

Gegenüber dem dritten Geschlecht (gibt es eigentlich nur ein weiteres Geschlecht?) finden die Gender-Aktivisten das ungerecht. Da setzen sie einfach noch ein Zeichen oder eine Pause zum weiblichen Wort dazu.

Damit wären nun also zwei Geschlechter sichtbar.

Aber was ist mit dem männlichen Geschlecht?

Das ist angeblich in der weiblichen Form schon enthalten.

Abgesehen davon, dass es damit ja noch nicht sichtbar ist – das ist nur bei den verpönten Klammerformen der Fall: Expert(inn)en. Stimmt das überhaupt? Ist der Arzt schon in der Ärztin enthalten? Der Wanderer in der Wanderin? Der Psychologe in der Psychologin? Sind die Chefs schon Teil der Chefinnen? Die Freunde Teil der Freundinnen? Nein. Männer sind hier unsichtbar.

Bei der Movierung, also der Bildung weiblicher Personenbezeichnungen auf der Grundlage eines generischen Maskulinums, passiert nämlich noch mehr als nur das Anhängen von Buchstaben.

UmlautKöchin, Ärztin, Bäuerin, Gräfin
Apokopierung 1. -e: Orthopädin, Psychologin, Pädagogin, Beamtin, Zeugin, Kollegin, Genossin, Kundin, Russin
2. –er: Bewunderin, Förderinnen, Herausforderin, Hundeflüsterinnen, Kletterin, Kümmerin, Wanderin, Zauberinnen
3. Plural-s: Chefinnen, Clowninnen, Coachinnen
Umlaut + ApokopeSchwäbin, Sächsinnen, Spitzbübin
AkzentverschiebungModeratorin, Kommentatorin, Autorin

Und auch bei der Einfügung eines Sonderzeichens oder der Genderpause passiert noch einiges mehr als das. Lautlich werden hier nämlich nicht die Endungen „-in“ und „-innen“ an ein Wort angehängt, sondern die Wörter in und innen dahintergesetzt. Dadurch kommt es zu folgenden Änderungen

AuslautverhärtungPsycholog*in, Pädagog:innen (K statt G),
Doktorand_in, FreundInnen (T statt D),
Dieb*in, Erb:innen (P statt B),
König_in (CH oder K statt G),
SklavIn, Elev:innen (F statt V),
Chines*in, Französ_innen (stimmloses S statt stimmhaftes)
Vokalisierung des RLehrer*in, Mitarbeiter:innen, Ingenieur_in, BibliothekarInnen
Änderung der SilbengrenzeExpert_innen, Kommiliton*in etc. (eigentlich alle)

Als Ausweg erscheint vielen das substantivierte Partizip, entweder das Partizip Präsens (Dozierende) oder das Partizip Perfekt (Geflüchtete). Geschlechter werden hier allerdings wieder einmal nicht sichtbar, sondern unsichtbar.

Vor allem in der Uni, wo es kaum noch Studenten gibt, sondern nur noch Studierende, hat sich das durchgesetzt.
Dadurch scheint die Welt jetzt schon ein bisschen besser geworden zu sein: Abgesehen davon, dass jetzt alle Studenten auch wirklich studieren und die Dozenten das Dozieren gar nicht mehr lassen können (nicht einmal im Forschungsfreisemester), ist bei den Flüchtlingen jetzt die Flucht schon vorbei, selbst wenn sie noch im Camp auf ihre Weiterreise hoffen. Und ich bin als Sprachforschender endlich auch den Forschern gleichgestellt.

Das Partizip versagt aber zur Hälfte bei seiner neuen Aufgabe, das Geschlecht unsichtbar zu machen. Das gelingt nämlich nur im Plural, der im Deutschen ja ohnehin kein Genus hat. Im Singular schlägt das generische Maskulinum wieder zu:

„Jeder vierte Studierende wohnt wieder im »Hotel Mama«“ (RP-Online.de, 3.3.2021)

„Weitersagen: Was jeder Studierende wissen sollte, um mit dem Geld auszukommen“ (finanztip.de, 5.10.2018)

„Bücher, die jeder Studierende gelesen haben sollte“ (uniglobale.com, 15.7.2019)

„Studie: Jeder vierte Studierende leidet unter starkem Stress“ (fu-berlin.de, 10.10.2018)

„die geschätzte Bearbeitungszeit, die ein Studierender braucht, um…“ (ili.fh-aachen.de, 29.5.2020)

„eine Methode […], die einem einzelnen Studierenden […] individuell zugeschnittene Lernangebote und -möglichkeiten anbietet“ (wiki.ill.uni-halle.de, 21.8.2018)

„Gute Lehre ist egal, ein Studierender braucht die richtige Persönlichkeit“ (link.springer.com, 5.5.2016)

„Jeder zweite Geflüchtete ist psychisch belastet“ (aerzteblatt.de 19.9.19)

„Welcher Geflüchtete darf in Deutschland arbeiten?“ (fkasyl.de)

„Jeder Zugewanderte muss sich, unabhängig von seinem Status oder dem Grund für seinen Aufenthalt, in der Ausländerbehörde melden.“ (landkreis-lueneburg.de, 10.12.15)

„Jeder Kursteilnehmende soll eine eigene Projektidee mit einbringen. “ (https://www.iao.fraunhofer.de/de/presse-und-medien/aktuelles/wie-kmu-von-digital-natives-lernen-koennen.html, 27.3.19)

Das Problem gilt übrigens grundsätzlich für alle substantivierten Adjektive, nicht nur für Partizipien.

„Jeder Rote ist ein Grüner“ (luhze.de, 16.8.2019)

Unsäglich: die Verschwörungstheorie vom bösen generischen Maskulinum

„Männer haben heimlich das generische Maskulinum in die DNA der Sprache eingebracht, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.“

Das ist wie jede Verschwörungstheorie blanker Unsinn. Sie basiert auf einer statistischen Korrelation:

1. Unsere Welt wird von Männern bestimmt und 2. in allen indogermanischen Sprachen gibt es ein generisches Maskulinum. Da muss doch ein Zusammenhang bestehen!

Es kommen immer genau dann mehr Kinder zur Welt, wenn die Störche aus den Winterquartieren zurückkommen. Und seitdem es weniger Störche gibt, nimmt auch die Geburtenrate ab.

In Wirklichkeit ist natürlich alles ganz anders.

Zunächst gab es keine unterschiedlichen Genera. Auch keine Artikel, also kein der, die, das.

Aber es gab wer, wie, was.

„Wer“ unterscheidet auch heute noch nicht nach dem Geschlecht. Irgendwelche Personen sind gemeint.

„Was“ ist sehr allgemein. Es bezieht sich auf ganze Sachverhalte, nicht nur auf einzelne Dinge. Den deutschen Namen „sächlich“ hat das Neutrum hiervon.

So muss man sich die Anfänge der Genera vorstellen: Es gab eins für Personen, eins für Sachverhalte. Das war am Ende der indogermanischen Zeit.

Aber dann entstand wohl das Bedürfnis, Frauen besonders hervorzuheben. Männer tun das oft, man nennt das Galanterie. Frauen bekamen eigene Formen, für sie reserviert wie heutzutage gut beleuchtete Parkplätze in der Nähe der Ausgänge von Parkhäusern.

Diese Formen nennen wir daher Femininum. Erschaffen wahrscheinlich aus dem Plural des Neutrums, das die gleichen Endungen hat.

Die bisherige geschlechtslose Form für Personen wurde dadurch zweideutig: entweder sie war weiterhin allgemeingültig („generisch“) oder sie galt für alle außer Frauen. In der Annahme, dass „alle außer Frauen“ Männer sind, nannte man das Generische nun „Maskulinum“.

Mit der Endung „-in“ ging es genauso: Berufe wie Weber, Tischler etc. waren generische Maskulina (genau wie Mensch, Gast, Elternteil). Sie standen sprachlich allen Geschlechtern offen. In der Gesellschaft zwar nicht. Doch es gab sogar Gilden wie die Klöppler, die nur aus Frauen bestanden.

Erst als die Endung „-in“ hinzutrat (zunächst wohl für die Ehefrau, die eine besondere Aufgabe im Familienunternehmen, aber nicht die Ausbildung und Rechte hatte), wurde das Maskulinum zweideutig – mal generisch, mal nicht-weiblich – und die Frauen bekamen eine Liga für sich.

Die Verschwörungstheorie erzählt das alles anders herum: Die Männer hätten sich des Generischen bemächtigt, um den Mann als Modell des Menschen erscheinen zu lassen. Das würde zwar gut zu einem Patriarchat passen, ist aber trotzdem falsch.

Galanterie passt übrigens mindestens genauso gut zu einem Patriarchat: Ladies first, Ritterlichkeit, Gentlemen, die Tür aufhalten, in den Mantel helfen. Galanterie hat die Sprache schon öfter verändert: So wurde das Weib durch die Frau und die Frau durch die Dame ersetzt.

Und was ist mit den anderen Gesellschaften, denen mit nicht-indogermanischen Sprachen? Nun, diejenigen, die kein Genus kennen, sind nicht gerade weniger patriarchalisch, wie z.B. Ungarn und die Türkei.

Unsagbar ist also die Verschwörungstheorie, dass Männer das generische Maskulinum aus Machtgier erfunden und gegen die Frauen durchgesetzt hätten. Die Endung „-innen“ steht viel eher für ein Patriarchat. Eins, das Frauen galant in die zweite Liga abdrängt.

Im Englischen werden daher die Zweitliga-Kennzeichen –woman, -ess und –ette abgeschafft. Alle sind jetzt gleich, alle sind police officer, actor, waiter, bachelor. Alles generische Maskulina.

Dennoch wird bei uns weiter und weiter das Märchen vom bösen generischen Maskulinum erzählt. Alternative Fakten muss man wohl nur oft genug wiederholen.

Aber Hoffnung besteht: Erzählt noch jemand, die Störche brächten die Kinder?

Literatur: Wikipedia-Artikel „Kausalität“ und

Nicht schreibbar: Genderstern, -doppelpunkt, -unterstrich etc.

In Frankreich gibt es einen offiziellen Sprachwächter, die Académie Française.

Im Deutschen gibt es nur eine Sache, die klar offiziell geregelt ist: die Rechtschreibung. Im Laufe der langwierigen und höchst umstrittenen Rechtschreibreform wurde eine internationale, unabhängige Instanz geschaffen, demokratisch legitimiert, maßgeblich für Behörden und Bildungseinrichtungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und zahlreichen mehrsprachigen Regionen: der Rat für deutsche Rechtschreibung.

Am 26. März 2021 hat der Rat erneut klar gestellt, dass Schreibungen mit Satz- und Sonderzeichen im Wort nicht konform mit den Regeln der Rechtschreibung sind.

Für Behörden und Bildungseinrichtungen gilt also: So darf man nicht schreiben. Punkt.

Darüber hinaus sollte man auch bedenken, dass Blinde und Sehgeschädigte Probleme mit dem computergestützten Vorlesen haben und ihnen damit die Teilnahme an Information und Kultur erschwert wird.

Klare Empfehlung: Nicht nutzen!

Sagbar: generisches Maskulinum und gezielte Paarformen

Seit Jahrzehnten verwenden wir schon umständliche Paarformen wie „Lehrerinnen und Lehrer“. Ist das generische Maskulinum nicht mehr sagbar?

Beides ist sagbar – in unterschiedlichen Situationen.

Zunächst bedeutet die Endung -er keinesfalls „männlich“, sondern nur „ausübend“, „daher stammend“ oder „dazugehörig“. Lehrer üben den Lehrberuf aus, Berliner stammen aus Berlin oder wohnen dort. Diese Endung ist nicht für Männer reserviert, ja, sie wird nicht einmal nur für Menschen gebraucht: „Frankfurter“ oder „Flieger“ können auch Dinge sein.

Frauen können alles sein. Anwalt und Anwältin. Frauen sind sogar die besseren Autofahrer.

Klöppler waren im Mittelalter ausschließlich Frauen. Müllerinnen dagegen waren die Ehefrauen der Müller und hatten eng abgesteckte Aufgaben im Familienbetrieb Mühle.

In Ostdeutschland benutzen Frauen schon immer und heute noch mit Stolz die gleichen Berufsbezeichnungen wie Männer.

Die weiblichen Bundeswehrsoldaten wollen mit den gleichen Dienstgraden angesprochen werden wie ihre männlichen Kollegen. In ihren Augen wäre alles andere Diskriminierung.

Generische Maskulina sind also in Bezug auf Frauen sehr wohl sagbar.

Mehr als das: Im Englischen schafft man die geschlechtsspezifischen Endungen -ess und -ette gerade ab: „actor“, „waiter“, „steward“ sind dadurch jetzt eindeutig generisch. Das gleiche befürwortet Nele Pollatschek auch für das Deutsche. Sie nennt sich Schriftsteller.

Zu Beginn des westdeutschen Feminismus hatte Luise F. Pusch ebenfalls die Abschaffung der diskriminierenden Endung -innen gefordert, konnte sich aber nicht durchsetzen. Ihre Kolleginnen wollten lieber durch die Paarform „sichtbar“ werden.

Und hier liegt das Problem aller generischen Wörter und Formen, keineswegs nur des generischen Maskulinums („Mensch“, „Person“, „Individuum“, „Studierende“, „Forschende“): Sie sind geschlechtsneutral und heben logischerweise nicht hervor, dass auch Frauen dabei sind.

Ich denke, es kann in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll sein, Frauen explizit zu nennen. Zum Beispiel bei der Begrüßung („Damen und Herren“) oder wenn man über Errungenschaften spricht, an denen Frauen beteiligt waren („Väter und Mütter des Grundgesetzes“) oder wenn es um Berufe und Positionen geht, die Frauen noch immer zu wenig zugetraut werden („Astronautinnen und Astronauten“).

Die berühmten Studien zur kindlichen Vorstellung von Männer- und Frauenberufen haben nämlich gezeigt, dass Paarformen in bestimmten Situationen einen Beitrag dazu leisten können, die Stereotype ein wenig aufzubrechen.

Was sie aber – ganz im Gegensatz zu dem, was beabsichtigt war – darüber hinaus aufzeigen, ist, dass es nicht am generischen Maskulinum liegt, dass einige Berufe eher Männern zugetraut werden. Das Ergebnis war bei gleicher Grammatik nämlich für alle Berufe sehr unterschiedlich. Und der Erfolg der Paarformen war gering.

Das ist auch kein Wunder: Vorstellungen werden von Erfahrungen geprägt, von Erlebnissen und von glaubhaften Bildern und Erzählungen, nicht von der Grammatik.

Die Paarform ist eine minimale Erzählung nebenbei, ein rhetorisches Mittel zur Hervorhebung der Anwesenheit von Frauen, mal aus Galanterie, mal zur Aufklärung, nicht mehr und nicht weniger.

Es ergibt aber selten Sinn hervorzuheben, dass auch Frauen Erzieher oder Grundschullehrer werden können oder dass es auch unter Wildpinklern, Terroristen und Vergewaltigern Frauen gibt.

Vor allem aber: Wenn die Paarform zur neutralen Normalform wird, geht die kleine Hervorhebung der Frauen nebenher verloren. Dann hat sie nur die Sprache komplizierter und das generische Maskulinum unhöflich gemacht.

Sagbar sind die Paarformen daher nur, wenn sie ganz gezielt eingesetzt werden, nicht wenn sie das generische Maskulinum ersetzen sollen.

Viel wirkungsvoller aber ist es, die Erfahrung zu vermitteln, dass Frauen alles sein und werden können. Dazu braucht es Erlebnisse sowie glaubhafte Erzählungen und Bilder. Erst dadurch werden Frauen sichtbarer.

Literatur: Wikipedia-Artikel Empiriker (zu Generisches Makulinum)

Unaussprechlich: die Gender-Pause

Das Deutsche klingt für viele Außenstehende hart. Ein Grund ist, dass wir Wörter, die mit Vokal anfangen (aber, Ober, Eber, über) mit einem Glottisschlag einleiten. Das ist das plötzliche Öffnen der Stimmlippen, bevor der Vokal anfangt.

Das machen wir ganz automatisch, ohne dass es uns bewusst ist. Der Glottisschlag lässt sich daher schwer unterdrücken: Das macht ihn zu einem Merkmal, an dem man den deutschen Akzent in Fremdsprachen erkennt.

Die Wörter „innen“ (das Gegenteil von „außen“) und „in“ (eine Präposition wie an, auf, über) werden ebenfalls mit Glottisschlag begonnen.

Wenn man nun versucht, eine Genderpause zu machen und danach die gleichnamigen Suffixe -in und -innen auszusprechen, stellt sich der Glottisschlag ein und man spricht unwillkürlich die Wörter „innen“ und „in“ aus. Wenn jemand sagt: „In unserem Aussichtslokal mit Terrasse beschäftigen wir zwanzig Mitarbeiter:innen“, fragt sein Gesprächspartner sicher nach der Anzahl der Mitarbeiter außen.

Dieses Verständnis liegt auch deshalb nahe, weil vor dem Glottisschlag Wortende-Signale nahezu unvermeidlich sind. Das sind lautliche Veränderungen, die klarmachen, dass das Wort zu Ende ist, wie z.B. die fehlende Aussprache des R und die Auslautverhärtung bei „Psycholog*innen“ (mit K statt G).

Ein unbetontes E [ə︎] mit Genderpause davor erscheint als Signal der Verlegenheit oder der Wortsuche (meist „äh“ geschrieben). Wer den Gender-Ausdruck „ein*e Mitarbeiter:in der Haushaltsabteilung“ aussprechen will, spricht also unwillkürlich „ein äh Mitarbeiter in der Haushaltsabteilung“ aus.

Korrektes Gendern nach Anatol Stefanowitsch soll diese Wortende-Signale vermeiden, erfordert also einiges an Sprach-Artistik und ist entsprechend selten.

Am Ende eines Wortes (wie von Luise F. Pusch vorgeschlagen) kann das Gender-Zeichen schon einmal gar nicht ausgesprochen werden. Es gibt zwar den Glottisschlag am Wortende, aber nur in den Interjektionen „so!“ und „tja!“ und da braucht es einen Vokal am Ende, mit einem N geht es nicht.

Die Gender-Pause ist also im wörtlichen Sinne unaussprechlich..

Gender-Aktivisten glauben nur oder tun so, als ob sie die Gender-Pause aussprechen. Sie setzen die Wörter „innen“ und „in“ hinter den Stamm der weiblichen Form (Expert innen, Berliner innen) und bauen auf den Kontext. Dadurch wird sich das Gehirn die Fehler schon zurechtbiegen und so klärt sich die Verwirrung, ob z.B. „Berliner Innenverwaltung“ oder „Berliner:innen-Verwaltung“ gemeint ist.

Dem generischen Maskulinum jedoch billigen sie die Klärung durch den Kontext nicht zu. In den berühmten psycholinguistischen Studien messen sie sogar, wie viele Millisekunden es braucht, bis ambigue (mehrdeutige) Formulierungen richtig verstanden werden und verwenden das als Argument gegen das generische Maskulinum..

Für die Klärung, ob in eine „Fußgängerzone“ tatsächlich nur Männer eingelassen werden, braucht es exakt 0,0 Millisekunden. Wie lange braucht es wohl, bis „FußgängerInnenzone“ richtig interpretiert wird?

Sagbar: generisches Maskulinum, Femininum und Neutrum, generischer Plural

Das Deutsche besitzt eine Vielzahl an Ausdrücken, die Personen bezeichnen, ohne auf deren Geschlecht zu verweisen. Sie werden deshalb „generisch“ genannt. Grammatisches und biologisches Geschlecht haben hier offensichtlich nichts miteinander zu tun.

Im Gegensatz zu anderen Sprachen ist bei uns der Mann auch nicht gleichzeitig der Mensch. Die Frau ist bei uns nicht sprachlich aus der Rippe des Mannes geformt worden, wie es im Englischen der Fall zu sein scheint (wo-man).

Und nicht nur das: Es gibt im Deutschen zahlreiche Generika in allen drei Genera (der Mensch, die Person, das Individuum). Solche Begriffe sind äußerst willkommen, wenn man sich aus dem Streit um das Gendern heraushalten möchte.

Ich möchte sie daher sehr empfehlen und dringend dazu raten, sie vor der Sexualisierung zu bewahren („Gästin“, „Vorständin“, „Mitgliederinnen“). Sie werden noch gebraucht.

MaskulinumFemininumNeutrum
MenschPersonIndividuum
Mitmensch, Alltags-, Augen-, Christen-, Familien-, Privatmensch etc.Amts-, Ansprech-, Aufsichts-, Autoritäts-, Begleit-, Bezugs-, Haupt-, Kontakt-, Privatperson etc.Wesen, Lebewesen, Fabelwesen, menschliches Wesen etc.
Zwilling, Drilling, Liebling, Flüchtling, Neuling, Säugling, Häftling, Prüfling, Lehrling, Häuptling, Feigling, Schützling etc.Persönlichkeit: Künstler-, Dichter-, Unternehmer-, Führungspersönlichkeit etc.Kind: Einzel-, Geburtstags-, Sonntags-, Glücks-, Spiel-, Erden-, Landeskind etc.
Gast: Fahr-, Bade-, Ehren-, Dauer-, Haus-, Kurgast etc. Kraft: Führungs-, Vollzeit-, Fach-, Büro-, Lehr-, Hilfskraft etc.Talent: Organisations-, Allround-,  Ausnahme-, Gesangs-, Showtalent etc.
Star: Film-, Rock-, Kinder-, Fernseh-, TV-Star etc.Figur: Führungs-, Galions-, Rand-, Haupt-, Nebenfigur etc.Scheusal
Boss: Drogen-, Gewerkschafts-, Wirtschafts-, Mafiaboss, etc.Waise: Halb-, Kriegs-, VollwaiseOberhaupt: Staats-, Familien-, Religionsoberhaupt etc.
Vorstand: Bahn-, Bezirks-, Bundes-, Kirchenvorstandseine/ihre/eure Majestät, Hoheit, Eminenz, Exzellenz, DurchlauchtGenie: Computer-, Finanz-, Musik-, Universalgenie
Kopf: Dick-, Dumm-, Stur-, Trotz-, Schlau-, HitzkopfGestalt: Lichtgestalt, Sagengestalt, Jammergestalt,Ebenbild, Vorbild
ElternteilLeiche: Kartei-, Bier-, Schnapsleiche, Geschwister: Halb-, Stief-, Zwillingsgeschwister
ProfiKoryphäeOpfer: Unfall-, Todes-, Anschlags-, Bauernopfer etc.
CharakterGeiselMitglied
TypTypeUngeheuer, Monster, Monstrum
Spross KreaturIdol
KumpelFrühgeburt, Ausgeburt, MissgeburtFrühchen
EngelAutorität, Kapazität, KoryphäeModel
Jockey, DiskjockeyInstanzGeschöpf
Nerd, Geek, Freak, CrackErscheinungSubjekt
SingleGrößeElement
Teenager, Teen, Teenie, TwenAushilfeDouble
ComedianBerühmtheitMuster
FanGranate, Kanone, LeuchteAss
HackerDrama Queen, DivaGegenüber
CEO, Assistant etc. (engl. Berufs- und Funktionsbezeichnungen)Erscheinung: Rand-, Ausnahmeerscheinung
Nichtsnutz, Gernegroß, Tunichtgut, Naseweis, etc. („Univerbierungen“)-natur: Froh-, Kämpfer-, Pferde-, Spieler-, Strebernatur

Das Deutsche besitzt eine große Anzahl an generischen Personenbezeichnungen aller Genera. Auch die umstrittenen Wörter auf -er gehören hierzu. Der Unterschied: die Möglichkeit zur Movierung mit „-in“

Der Plural hat im Deutschen – im Gegensatz zu den romanischen Sprachen – kein Genus, ist also weder Maskulinum noch Femininum oder Neutrum.

Neben dem Pluralwort „Leute“ gibt es zahlreiche Gruppenbezeichnungen im Singular. Die haben natürlich ein Genus, das aber immer generisch ist.

Interessant ist sicher der generische Singular „Mann“: „Wie viel Mann kommen noch?“ Hier wird der Mann zum Stückgut – und Frauen werden davon nicht ausgenommen.

PluralMaskulinumFemininumNeutrum
Leute, Gefolgsleute, Kaufleute etc.TrossMengeVolk, Völkchen
HerrschaftenStaat, HofstaatMasse, MenschenmasseGefolge
ElternVerbandGruppePublikum, Auditorium
GeschwisterVereinFamilieKollegium
Mann (generischer Singular, z.B. 5 Mann)
SchwarmHorde, Herde, Meute, Rotte, Schar, Schule, Rudel

Trupp-heit: Allgemeinheit, Mehrheit, Minderheit Korps

Block-schaft: Mannschaft, Herrschaft, Gesellschaft, Anhängerschaft, Gefolgschaft, DienerschaftTeam

Pulk-ung: Versammlung, Leitung, AbteilungPaar

Flügel-ation: Nation, Direktion, Inspektion, FormationLager

Kreis, Spielkreis, SingkreisBand, Kapelle, Combo Ensemble

ChorGangOrchester

KernEskorte, Vorhut/NachhutGewerk


ZelleKollektiv


BrigadeGeschwader


Runde, Skatrunde, Kränzchen


Reihe
Wörter, die auf -e enden, sind meistens generische Feminina

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