Ein Blog über Sprache

Kategorie: Political Correctness

Unschreibbar: Schwarz auf Weiß

Eine Satire

Struktureller Rassismus in internationalen Medien

Wissen ist Macht. Festgehalten in Büchern und elektronischen Text-Dokumenten. Schwarz auf Weiß.

Aber während Weiß seit Jahrhunderten und in allen Sprachen der Welt ohne erkennbare eigene Leistung die Fläche besetzt hält, begnügt sich Schwarz mit Linien und Punkten und erreicht somit nur einen unwesentlichen Anteil an der Macht des Wissens. Dabei sind sie es, die die Bedeutung tragen. Studien haben gezeigt, dass die Rolle des Trägers der Bedeutung in allen Kulturen der Welt dem Schwarzen zugewiesen wird. Ein bisher völlig ausgeblendetes Überbleibsel des Kolonialismus. 

Die umgekehrte Farbverteilung wird in diskriminierender Absicht „Nachtmodus“ genannt, um das Schwarze in das mit Angst besetzte Reich der Dunkelheit zu verweisen.

Ein weiterer vernachlässigter Aspekt des strukturellen Rassismus in Medien ist die Unsichtbarkeit der diversen Farben. Nicht jeder Mensch kann sich mit der ihm von der Gesellschaft zugewiesenen Colour identifizieren, nicht jeder ist schwarz oder weiß.

Zurecht wird daher gefordert, dass nur noch mit Rot, der gemeinsamen Farbe des Blutes, geschrieben werden darf. Der Hintergrund sollte in einem proportionalen Gemisch der verschiedenen Hautfarben gehalten sein, um sie alle sichtbar zu machen. Dort, wo das nicht möglich ist, könnte ein neutrales Grün gewählt werden. 

Es darf an dieser Stelle aber nicht verschwiegen werden, dass Vertreter der Rot-Grün-Blinden Bedenken geäußert haben. Hierbei handelt es sich jedoch um ein vernachlässigbares Phänomen, da es ausschließlich weiße Männer betrifft, die per definitionem nicht diskriminiert werden können.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf meine preiswerte 2-bändige Anleitung „Richtig Colourieren“.

Dort behandle ich übrigens auch das Problem des Albinismus.

In meinem nächsten Beitrag werde ich darlegen, dass Tätowierungen und Piercings bei Weißen eine verabscheuungswürdige Form kultureller Aneignung sind. Falls Sie derart rassistische Zeichnungen aufweisen, können Sie sich an unseren Werbepartner wenden, das Whitewash Ltd. Tattoo-Entfernungsstudio.

Singbar: Alle Kinder lernen lesen

„Alle Kinder lernen lesen,
Indianer und Chinesen,
Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos,
Hallo Kinder, jetzt geht’s los!“

Darf man dieses Lied von Wilhelm Topsch noch singen?

Natürlich. Es tut niemandem etwas Böses. Im Gegenteil: Es fördert das Gefühl der Verbundenheit der Kinder mit den geographisch am weitesten entfernten Völkern der Welt. Und das durch Lesen. Selbst dort, wo die Natur es schwer macht.

„Eskimo“ ist gegenüber „Inuit“ der bessere Begriff, er schließt die Iñupiat und Yupik mit ein. Und die Meinung, dass der Begriff abwertend sei, ist längst überholt. Er beruhte auf einem Übersetzungsfehler. „Eskimo“ ist also absolut sagbar.

Die nordamerikanischen Indianer sind in Deutschland nicht Teil der Kolonialgeschichte. Wir kennen sie vielmehr aus Geschichten wie Winnetou, Fliegender Stern oder Yakari und fühlen uns ihnen verbunden. Sie verkörpern das Ideal, mit der Natur in Einklang zu leben und Respekt für die Mitgeschöpfe zu empfinden. Auch „Indianer“ ist demnach sagbar.

Mit Alltagsrassismus hat das Lied nichts zu tun. Es bedient nicht einmal Stereotype. Alle lesen. Nichts sonst.

Dem Kampf gegen Rassismus ist mit der reflexartigen, ungerechtfertigten und völlig überzogenen Kritik nicht geholfen. Eher das Gegenteil ist zu befürchten.

Literatur: „Eskimo“ und „Indianer“ bei Wikipedia

Kommt darauf an: „Zigeuner“

Die Sache ist hier verfahren:

Der Rat der Sinti und Roma möchte nicht, dass man „Zigeuner“ sagt, weil der Begriff von Rassisten missbraucht wurde und wird.

Die Sinti Allianz Deutschland findet den Begriff „Zigeuner“ angemessen und in jedem Fall besser als die unvollständige Aufzählung „Sinti und Roma“, die z.B. Jenische und Lovara ausgrenzt.

Für nicht Betroffene verbietet sich Besserwisserei. Deshalb kann ich Ratsuchenden nur empfehlen, sich an die Menschen selbst zu wenden.

Bei uns im Rheinland ist es zwar wahrscheinlicher, dass man auf Menschen trifft, die sich den Namen nicht von Rassisten nehmen lassen wollen und ihren jahrhundertealten Platz in der deutschsprachigen Geschichte trotz oder gerade wegen der erlittenen Verfolgungen mit Stolz behaupten. Wie ein betroffener Gesprächspartner jeweils darüber denkt, kann ich aber nicht wissen, bevor ich mit ihm darüber gesprochen habe.

Letztlich ist es wohl eine Frage der Strategie: Behalte ich eine traditionelle Bezeichnung und werte sie auf oder versuche ich, sie unsagbar zu machen und biete eine angemessene Alternative an? Die zweite Lösung hat allerdings einen weiteren Nachteil: Es gibt keine Garantie, dass der neue Begriff nicht auch beleidigend verwendet wird. Dieses Phänomen nennt man nach Steven Pinker „Euphemismus-Tretmühle“.

In jedem Fall sollten wir nicht Betroffene uns nicht um Begriffe wie Zigeunersauce und Zigeunerschnitzel streiten. Das ist anmaßend und paternalistisch.

Quelle: Markus Reinhardt auf ZigeunerwagenTV (Youtube) und Wikipedia Euphemismus-Tretmühle

Sagbar: „Flüchtling“

Es gibt Leute, die haben etwas gegen Flüchtlinge. Und es gibt Leute, die haben etwas für Flüchtlinge übrig. Auf beiden Seiten gibt es Leute, die haben etwas gegen das Wort. Den einen klingt es zu positiv, den anderen zu negativ.

Die einen wollen es durch „illegale Einwanderer“ ersetzen, die anderen durch „Geflüchtete“, „Flüchtende“ oder „Menschen mit Fluchterfahrung“.

Grund genug, dabei zu bleiben. Es ist ohnehin Bestandteil der Namen unserer wichtigsten Hilfswerke, Gesetze, Verträge.

Einige wohlmeinende Menschen stören sich aber an der Endung -ling. Entweder weil es Maskulinum ist – wie Mensch oder Gast. Was wäre daran verwerflich? Oder weil die Endung angeblich etwas Verniedlichendes oder etwas Αbwertendes hat. Tatsächlich gibt es solche Wörter mit -ling: Schönling, Jüngling, Feigling. Es gibt aber auch Neulinge und Zwillinge, Schützlinge und Lieblinge. An der Endung kann es also gar nicht liegen.

Die Partizipien passen überdies nur auf einen Teil der Flüchtlinge, diejenigen auf der Flucht (Flüchtende) oder die nach der Flucht (Geflüchtete). Was „Fluchterfahrung“ umfasst, ist zwar ohnehin unklar. Es klingt aber harmloser oder so, als sei die Flucht schon länger her.

Für alle kann man den Begriff Flüchtling nutzen. Er wertet nicht ab oder auf, er benennt lediglich einen international anerkannten Status. Und die, die es betrifft, sollten nicht ausgerechnet bei diesem Begriff auf ein babylonisches Sprachengewirr treffen.

Ein Vorteil des generischen Maskulinums: Es gilt für alle, ohne Grammatikprobleme: Die Deklination von Adjektiven und damit auch von Partizipien ist dagegen ziemlich kompliziert: Warum heißt es der Geflüchtete, aber ein Geflüchteter? Und nach Geschlecht muss ich auch noch unterscheiden: er ist Geflüchteter, sie Geflüchtete. Oder ist sie Flüchtende, er Flüchtender? Einfacher ist zum Einstieg in die neue Sprache besser: der Flüchtling, ein Flüchtling, sie ist Flüchtling, er auch.

Mein Rat: Das Wort „Flüchtling“ sollte für alle sagbar bleiben.

Literatur: Wikipedia Flüchtling

Sagbar: „Mohrenstraße“ und „Mohrenapotheke“

Straßennamen sind in die Kritik geraten. Insbesondere, wenn sie Personen ehren, die heute keine Ehrung mehr verdienen.

Bei der Mohrenstraße ist das anders. Sie soll umbenannt werden, obwohl damit Menschen geehrt werden, die es verdient hätten, sichtbar zu sein. Das Gleiche passiert mit den Mohrenapotheken.

Es ist das Verdienst der Mohrenstraßen, darauf aufmerksam zu machen, dass dunkelhäutige Menschen schon seit Jahrhunderten zu Deutschland gehören. Mehrere afropäische Filmemacher verfolgen dieses Ziel übrigens ebenfalls.

Mohrenapotheken verweisen auf die Mauren, die mittelalterlichen Herrscher über das heutige Spanien und Portugal. Daher stammt das Wort „Mohr“ (el moro). Muslimische Ärzte waren damals in der Heilkunst den Christen weit überlegen und wurden so zum Symbol medizinischer Expertise.

Die bildliche Darstellung des Mohren ist sicher sehr stereotyp gewesen wie Wappen und Fahnen es immer sind, ja sein müssen, weil sie von weitem erkannt werden sollen. Aber sie zeigen sie durchaus in einem positiven Zusammenhang, schließlich identifiziert man sich sogar mit ihnen..

Gleichzeitig bieten die Namen und Bilder fortwährend Anlass, z.B. mit Kindern, Besuchern oder Zugereisten über diese Menschen zu sprechen, die damit zu einem Teil unserer Geschichte und Identität werden.

Das Wort „Mohr“ selbst – übrigens ein weit verbreiteter Familienname – ist nur in einem historischen Kontext gebräuchlich. Es wird überhaupt nicht auf moderne Menschen angewandt. Deshalb muss auch niemand vor dem Namen geschützt werden.

Mein Rat wäre deshalb: Mohrenstraßen und -apotheken unbedingt beibehalten und gleichzeitig weitere Straßen nach Persönlichkeiten benennen wie Anton Wilhelm Amo oder Ignatius Fortuna. Gerne im Austausch gegen Namen, die diese Ehrung wirklich nicht verdient haben.

Und wenn Sie mich nach dem „Mohrenkopf“ fragen: Der Name ist natürlich inspiriert von den stereotypen Mohrenköpfen auf Wappen, Fahnen etc., die auch heute noch überall Verwendung finden. Bezieht sich also nicht auf wirkliche Personen wie Afrikaner oder Afropäer.

Der Kontext entscheidet hier über seine Verwendbarkeit: Wer sagt es zu wem in welcher Situation? Anstand und Feingefühl lassen sich nicht durch Sprachverbote ersetzen.

Als Betroffener kann man positive Stereotype humorvoll nehmen wie Andrew E. Onuegbu, der schwarze Kieler Chef, der sein Restaurant „Zum Mohrenkopf“ genannt hat. Er wehrt sich explizit dagegen, dass Weiße ihm sagen, wann er sich beleidigt fühlen muss, und spielt lieber selbstbewusst und selbstermächtigend mit dem Wort.

Andererseits ist die mittlerweile weit verbreitete Bezeichnung „Schokokuss“ auch sehr hübsch … Oder vielleicht doch zu sexy für eine ungesunde Süßigkeit?

In Österreich sagt man übrigens „Schwedenbombe“. Ob das wohl alle Schweden sagbar finden? Oder alle Pazifisten unsagbar?

Literatur: Wikipedia Mohrenstraße und Mohr

Unsagbar: „bis zur Vergasung“

Die Bedeutung eines Wortes liegt in seinem Gebrauch, nicht in seiner Herkunft.

Der Kontext entscheidet, nicht der Klang oder die Schrift, nicht die einzelnen Bestandteile, aus denen der Ausdruck besteht, nicht die Herkunft. Das nennt man seit 100 Jahren „Arbitrarietät“ des Zeichens (seit Saussure).

Ist jemandem, der „bis zur Vergasung“ sagt, also nichts vorzuwerfen?

Die Herkunft des Ausdrucks ist vergleichsweise harmlos. Es geht um den Übergang in den übernächsten Aggregatzustand, von fest zu flüssig zu gasförmig.

Der Ausdruck ist ursprünglich ein Vergleich, genauer eine Metapher: „Wir haben solange geübt, bis wir (quasi) gasförmig wurden.“ Diese witzig gemeinte Übertreibung (Hyperbel) wurde aber bald so gebräuchlich, dass sie sich abnutzte und genauso normal wurde wie die gleichbedeutende Formulierung „bis zum Umfallen“.

Wer den Ausdruck so gebraucht, macht sich zunächst einmal keiner moralischen Verfehlung schuldig.

Dann kam aber der erste Weltkrieg und Gas wurde zu einer Kriegswaffe. Soldaten wurden „vergast“. Und dann kam die Nazizeit und Gas wurde zum Massen-Vernichtungsmittel in den Konzentrationslagern. Der Ausdruck „Vergasung“ erhielt also eine zweite, zutiefst erschreckende und leidvolle Bedeutung. Die ursprüngliche Bedeutung wurde dadurch in den Hintergrund gedrängt.

Welche von den zwei Bedeutungen in dem Ausdruck gemeint ist, kann allerdings in der Metapher nicht geklärt werden, nicht einmal durch den Kontext. Der Witz bei einer Metapher ist ja, dass man einen Begriff aus einem anderen Lebensbereich holt, über den gerade gar nicht gesprochen wird.

Als klärender Kontext bleibt dann nur, wer hier mit wem in welchem Zusammenhang spricht. Freunde wissen, wie man etwas meint, in lockerer Runde muss man auch nicht auf jedes Wort achten. Aber dieser Kontext ist in der Öffentlichkeit weg: Dort hat man nicht nur Freunde und der lockere Tonfall z.B. in einem Fernseh-Sportstudio täuscht.

Die Metapher nachträglich zu erklären, ergibt keinen Sinn. Dann hätte man sie sich auch sparen können.

Und das wäre auch mein Rat:

Sparen Sie sich den Ausdruck. Sie können nicht verhindern, dass er Menschen aufschreckt oder sie unvorbereitet an Leid erinnert.

Dass Dennis Aogo von seinem Job als Fußball-Kommentator zurückgetreten ist, hat aber nicht allein mit diesem Fehler zu tun, für den er sich glaubwürdig entschuldigt hat. Er hat schmerzlich erfahren, dass beim öffentlichen Sprechen jedes Wort auf die Waagschale gelegt wird.

Die, die sich am meisten über unbedachte Formulierungen empören, sind aber gar nicht die Betroffenen. Überall im Internet sitzen Horden von Leuten in ihren Glashäusern und warten darauf, mit Steinen werfen zu können. Reflexartig reagieren sie auf das nächste vermeintlich Unsagbare, das gesagt wird.

Literatur: Wikipedia „Bis zur Vergasung

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