Ein Blog über Sprache

Autor: Thomas (Seite 2 von 3)

Unsäglich: Dekonstruktivismus

Um das vorweg klarzustellen: Dekonstruktion finde ich durchaus witzig. Im doppelten Wortsinn.

Man stelle sich einfach vor, dass die Dinge andersherum sind, als wir sie verstehen. Vielleicht beherrschen die Menschen gar nicht die Erde, sondern die Mäuse. In den Forschungslabors dressieren sie die Forscher, das zu denken und zu tun, was sie wollen. Auch der Sinn des Lebens ist vielleicht längst klar: Er ist 42. Wir müssen nur die passende Frage zu dieser Antwort finden. Das ist witzig. Man kann ins Nachdenken kommen. Aber es wäre ziemlich albern zu glauben, dass es so ist.1

Dekonstruktion ist ein heuristisches Mittel, Dekonstruktivismus ist albern.

Derrida dekonstruiert systematisch Dichotomien, unhinterfragte Denkstrukturen hinter Gegensatzpaaren. „Leben und Tod“ zum Beispiel. Dieser Gegensatz existiert für ihn nicht. Wir sind alles Gespenster. Andere Gegensätze werden gelten gelassen, aber umgewertet. Derjenige Begriff, der gemeinhin als minderwertig gilt, wird jetzt höher bewertet, z. B. Schrift gegenüber gesprochener Sprache.

Eine sehr fruchtbare Dekonstruktion ist die von „Autor und Leser“. Der Text entsteht erst durch den Akt des Lesens.

Den Leser in den Blick zu nehmen, ist eine sehr gute Idee. Trotzdem würde der Text ohne den Autor gar nicht existieren. Es ist also richtig, dass der Leser an den Autor Geld zahlt und dass die Urheberrechte gelten.

Derrida selbst hielt nichts vom Dekonstruktivismus. Dekonstruktion war eine Haltung, nicht einmal eine Methode, schon gar keine Philosophie.

Auf dem Missverständnis der Dekonstruktion beruht die Gender-Bewegung. Das Gegensatzpaar „Mann und Frau“ wird dabei nicht einfach umgewertet, indem die Hierarchie angegriffen würde, was dem Feminismus wichtig war, sondern die Existenz des Geschlechts wird grundsätzlich geleugnet. Mann und Frau gelten als Erfindung der patriarchalen Gesellschaft, durchgesetzt mit Hilfe der Sprache.

Die Natur hat die geschlechtliche Fortpflanzung natürlich lange vor dem Menschen erfunden. Dieses Argument wird aber als Biologismus abgetan.

Die Existenz eines weiteren biologischen Geschlechts wird dennoch gern als Argument aufgenommen.

Dass es von Mann und Frau mehr als die Idealbilder einer jeweiligen Epoche gibt, ist keine neue Offenbarung. Auch Hermaphroditen kennt die Menschheit schon seit Ewigkeiten. Neu ist der Glaube, dass Sprache so mächtig ist, dass der Ausspruch der Hebamme „Es ist ein Mädchen“ wie ein Zauberspruch die geschlechtliche Identität eines Menschen erzeugt.

Solche Zaubersprüche erkennt Judith Butler in den performativen Sprechakten. Sie fangen häufig mit „hiermit“ an: „Hiermit entschuldige ich mich, bestätige ich, kündige ich, erkläre ich …“.

Man braucht sie nur auszusprechen oder auf ein Stück Papier zu schreiben und schon ist die Wirklichkeit verändert.

Wenn das so einfach wäre! Der entscheidende Punkt ist nämlich, dass Adressaten, Zuschauer und Leser glauben und akzeptieren, was in den performativen Sprechakten behauptet wird.

So wie wir glauben und akzeptieren, dass ein auf bestimmte Art bedrucktes Papier so viel Wert ist wie ein Produkt oder eine Dienstleistung. Wenn das Vertrauen fehlt oder nachlässt, funktioniert es nicht oder nicht mehr.

Ein Wertpapier kann gefälscht sein, eine Urkunde auch. Wenn Rituale und Fristen nicht eingehalten werden, gelten Kündigungen nicht. Eine Entschuldigung muss ich nicht akzeptieren. Eheschließungen bringen nicht viel, wenn sich die Beteiligten nicht daran halten. Selbst in der katholischen Kirche sind es die Eheleute, die sich gegenseitig das Sakrament der Ehe spenden, nicht die Worte des Priesters.

Sollte sich eine Hebamme irren – auch Irrtümer sind möglich -, dann wird sich das herausstellen. So stark kann also die Macht des Hebammenwortes nicht sein.

Mit der Dekonstruktion sollte man außerdem sehr vorsichtig sein. Alles kann dekonstruiert werden: z. B. Arm und Reich, Wahrheit und Lüge, Kind und Erwachsener.

Wenn der Wohlhabende nach der Umwertung von Arm und Reich ein „Mensch ohne Armutserfahrung“ ist, dann kann ich ihn herzlich bedauern, wie der gläubige Christ, der weiß, dass dieser arme Mensch nicht in den Himmel kommen wird. An der Ungleichheit brauche ich nichts mehr zu ändern.

Trump hat die Grundlage von Zivilisation und Aufklärung zu zerstören versucht. Er hat der ganzen Welt vorgemacht, wie man Wahrheit und Lüge dekonstruiert: Es gibt sie nicht, es gibt nur „alternative Fakten“.

Wenn jemand den Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem dekonstruiert, kann er für die Entkriminalisierung der Pädophilie eintreten. So ist es tatsächlich geschehen. Derrida, Sartre und de Beauvoir haben eine entsprechende Petition unterschrieben. Auch die deutschen Grünen können ein Lied davon singen.

Wer die Dekonstruktion glaubt, als wäre sie die Wirklichkeit und nicht nur ein Denkanstoß, entfernt sich von der menschlichen Zivilisation, der Wissenschaft, der Wahrheit. Er ist uns entrückt, man könnte auch sagen ver-rückt. Aber auch das Gegensatzpaar „Arzt und Patient“ kann er leicht dekonstruieren.

1 Vgl. Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis

Literatur: Wikipedia „Dekonstruktion“ und „Jacques Derrida

Unsagbar: „Die Sprache bestimmt unser Denken“

In dem Roman 1984 von George Orwell wird in einem sozialistischen Überwachungsstaat der Zukunft die Sprache grundlegend umgestaltet, um auch das Denken zu kontrollieren. Der Umbau vom Oldspeak zum Neusprech ist dabei auf Jahrzehnte angelegt.

Orwells Warnung hat wohl bei einigen das Gegenteil erreicht und sie angeregt, etwas Ähnliches zu versuchen.

Denn diese Menschen glauben, wenn erst einmal das neue Gendersprech durchgesetzt wäre, würde die Welt endlich egalitär und divers. Dass sie es bisher nicht ist, liege nur an der alten Sprache, die unser Denken fest im Griff habe.

Abgesehen von der entwaffnenden Frage, wie denn die beachtlichen Fortschritte der letzten 50 Jahre zu erklären seien, stellt sich die grundlegende Frage, ob Sprache denn überhaupt unser Denken beeinflusst.

Da gibt es nur eine Antwort: Sprache nicht. Rhetorik schon.

Euphemismen, Hyperbeln, Fahnenwörter, Stigmawörter und vor allem Metaphern können einen enormen Einfluss auf die Hörer und Leser einer Rede habe.

Wenn dagegen Grammatik eine Wirkung hat, dann nicht die normalen Formen, sondern nur gezielt eingesetzte Abweichungen von der Norm, z.B. die Steigerung eines nicht steigerbaren Wortes („in keinster Weise“), der ungewöhnliche Satzbau: Inversion, Parallelismus, Chiasmus, Polysyndeton etc. oder eben die feministischen Paarformen, die unnötige Präzisierungen darstellen („alle und auch die Frauen“), also in der Rhetorik als Pleonasmen bezeichnet würden.

Gewöhnung führt jedoch zur Wirkungslosigkeit.

Die Macht der Metapher

Rhetorische Figuren werden zwar mit Elementen der Sprache gebildet, aber sie sind Mittel des Textes. Deshalb lassen sich Metaphern, Allegorien, Vergleiche, Personifikationen, Euphemismen, Hyperbeln etc. auch in jede andere Sprache übersetzen.

Metaphern sind Vergleiche. In einer Diskussion sind sie kleine analoge Argumente ohne Beleg. Wenn sie gut gemacht sind, wirken sie anschaulich und plausibel.

Sie können jeder Zeit spontan gebildet werden. Man muss nur einen Begriff aus einem anderen Lebensbereich ins aktuelle Gesprächsthema holen oder zwei Begriffe aus unterschiedlichen Lebensbereichen zusammenfügen („Asylantenflut“).

Diese Wörter stehen zunächst nicht im Wörterbuch. Die Sprache hat sie nicht vorgegeben.

Auch „geschlechtergerechte“ oder „gendersensible Sprache“ sind Neuschöpfungen (Neologismen). Hier wird jeweils ein Fahnenwort („gerecht“, „sensibel“) mit dem eigenen Standpunkt verknüpft, in der Hoffnung, das Wort reiche zur Argumentation aus oder unterstütze sie wenigstens.

Welche Wirkung haben dann aber Alltagsmetaphern? Sie stehen doch im Wörterbuch!?

Auch hier gilt wie bei der abweichenden Grammatik: Bei Gewöhnung geht die Wirkung verloren.

Wir sagen z.B., dass die Sonne aufgeht oder der Mond abnimmt. Glauben wir deshalb, dass die Sonne sich um die Erde dreht oder der Mond bei seiner Diät unter dem Jojo-Effekt leidet? Wenn jemand sagt, dass er „für alles offen ist“ und wir ihn daraufhin „nicht ganz dicht“ nennen, halten wir ihn dann für ein poröses Gefäß?

Die ursprüngliche Bedeutung einer Alltagsmetapher kann – wie in diesen Beispielen – aus der Gewöhnung herausgeholt werden. Das macht Literatur ständig, das passiert in Witzen und das zeigt sogar altbekannte Zusammenhänge zwischen psychischen Belastungen und körperlichen Reaktionen auf, die wir durch die Gewöhnung nicht mehr „auf dem Schirm“ haben: Wir haben viel um die Ohren, etwas macht uns Kopf- oder Bauchschmerzen, es geht uns an die Nieren, wir kriegen einen Hals, graue Haare, Pickel, die Krätze …

Kein Wunder also, dass die Vorstellung, dass Alltagsmetaphern unser Denken unterbewusst beeinflussen würden, so suggestiv ist.

In Wirklichkeit sind nur Metaphern so alltäglich geworden, dass sie nicht mehr in ihrer ursprünglichen Bedeutung wahrgenommen werden.

Die Bedeutung eines Ausdrucks liegt schließlich nicht in seiner Herkunft, sondern in seinem Gebrauch (Arbitrarietät des Zeichens).

Also keine Angst: Wir brauchen keine Alu-Hüte gegen die geheime Wirkung der Alltagsmetaphern. Auch keine Sprachreform.

Gegen tradierte falsche Vorstellungen und Vergleiche und gegen die Manipulation durch Metaphern und Euphemismen hilft nur eins: Aufklärung. Wenn wir wissen, was der Begriff „Konzentrationslager“ in der Wirklichkeit bedeutet, wirkt die ursprüngliche Kraft des Euphemismus bei uns nicht mehr.

Die Mittel der Aufklärung sind daher: die Vermittlung von Erfahrungen sowie glaubhafte Bilder und Erzählungen. Mondlandung, Corona-Virus, Holocaust: Was wir nicht persönlich erlebt haben, müssen wir den Erzählungen und Bildern glauben.

Achten wir darauf, dass die Quellen für alle glaubwürdig bleiben! Medien, die nicht die Sprache der Zuschauer sprechen, werden unglaubwürdig. Wenn unsere Universitätsangehörigen und öffentlich-rechtlichen Journalisten wokes Gendersprech benutzen, entfernen sie sich von dem Großteil der Bevölkerung und zerstören ihre eigene Autorität als unparteiische Quelle.

Literatur: Wikipedia-Artikel „Sapir-Whorf-Hypothese“ und „1984 (Roman)“ sowie Rhetorische Stilmittel bei schreiben.net

Unsäglich: die Verschwörungstheorie vom bösen generischen Maskulinum

„Männer haben heimlich das generische Maskulinum in die DNA der Sprache eingebracht, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.“

Das ist wie jede Verschwörungstheorie blanker Unsinn. Sie basiert auf einer statistischen Korrelation:

1. Unsere Welt wird von Männern bestimmt und 2. in allen indogermanischen Sprachen gibt es ein generisches Maskulinum. Da muss doch ein Zusammenhang bestehen!

Es kommen immer genau dann mehr Kinder zur Welt, wenn die Störche aus den Winterquartieren zurückkommen. Und seitdem es weniger Störche gibt, nimmt auch die Geburtenrate ab.

In Wirklichkeit ist natürlich alles ganz anders.

Zunächst gab es keine unterschiedlichen Genera. Auch keine Artikel, also kein der, die, das.

Aber es gab wer, wie, was.

„Wer“ unterscheidet auch heute noch nicht nach dem Geschlecht. Irgendwelche Personen sind gemeint.

„Was“ ist sehr allgemein. Es bezieht sich auf ganze Sachverhalte, nicht nur auf einzelne Dinge. Den deutschen Namen „sächlich“ hat das Neutrum hiervon.

So muss man sich die Anfänge der Genera vorstellen: Es gab eins für Personen, eins für Sachverhalte. Das war am Ende der indogermanischen Zeit.

Aber dann entstand wohl das Bedürfnis, Frauen besonders hervorzuheben. Männer tun das oft, man nennt das Galanterie. Frauen bekamen eigene Formen, für sie reserviert wie heutzutage gut beleuchtete Parkplätze in der Nähe der Ausgänge von Parkhäusern.

Diese Formen nennen wir daher Femininum. Erschaffen wahrscheinlich aus dem Plural des Neutrums, das die gleichen Endungen hat.

Die bisherige geschlechtslose Form für Personen wurde dadurch zweideutig: entweder sie war weiterhin allgemeingültig („generisch“) oder sie galt für alle außer Frauen. In der Annahme, dass „alle außer Frauen“ Männer sind, nannte man das Generische nun „Maskulinum“.

Mit der Endung „-in“ ging es genauso: Berufe wie Weber, Tischler etc. waren generische Maskulina (genau wie Mensch, Gast, Elternteil). Sie standen sprachlich allen Geschlechtern offen. In der Gesellschaft zwar nicht. Doch es gab sogar Gilden wie die Klöppler, die nur aus Frauen bestanden.

Erst als die Endung „-in“ hinzutrat (zunächst wohl für die Ehefrau, die eine besondere Aufgabe im Familienunternehmen, aber nicht die Ausbildung und Rechte hatte), wurde das Maskulinum zweideutig – mal generisch, mal nicht-weiblich – und die Frauen bekamen eine Liga für sich.

Die Verschwörungstheorie erzählt das alles anders herum: Die Männer hätten sich des Generischen bemächtigt, um den Mann als Modell des Menschen erscheinen zu lassen. Das würde zwar gut zu einem Patriarchat passen, ist aber trotzdem falsch.

Galanterie passt übrigens mindestens genauso gut zu einem Patriarchat: Ladies first, Ritterlichkeit, Gentlemen, die Tür aufhalten, in den Mantel helfen. Galanterie hat die Sprache schon öfter verändert: So wurde das Weib durch die Frau und die Frau durch die Dame ersetzt.

Und was ist mit den anderen Gesellschaften, denen mit nicht-indogermanischen Sprachen? Nun, diejenigen, die kein Genus kennen, sind nicht gerade weniger patriarchalisch, wie z.B. Ungarn und die Türkei.

Unsagbar ist also die Verschwörungstheorie, dass Männer das generische Maskulinum aus Machtgier erfunden und gegen die Frauen durchgesetzt hätten. Die Endung „-innen“ steht viel eher für ein Patriarchat. Eins, das Frauen galant in die zweite Liga abdrängt.

Im Englischen werden daher die Zweitliga-Kennzeichen –woman, -ess und –ette abgeschafft. Alle sind jetzt gleich, alle sind police officer, actor, waiter, bachelor. Alles generische Maskulina.

Dennoch wird bei uns weiter und weiter das Märchen vom bösen generischen Maskulinum erzählt. Alternative Fakten muss man wohl nur oft genug wiederholen.

Aber Hoffnung besteht: Erzählt noch jemand, die Störche brächten die Kinder?

Literatur: Wikipedia-Artikel „Kausalität“ und

Nicht schreibbar: Genderstern, -doppelpunkt, -unterstrich etc.

In Frankreich gibt es einen offiziellen Sprachwächter, die Académie Française.

Im Deutschen gibt es nur eine Sache, die klar offiziell geregelt ist: die Rechtschreibung. Im Laufe der langwierigen und höchst umstrittenen Rechtschreibreform wurde eine internationale, unabhängige Instanz geschaffen, demokratisch legitimiert, maßgeblich für Behörden und Bildungseinrichtungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und zahlreichen mehrsprachigen Regionen: der Rat für deutsche Rechtschreibung.

Am 26. März 2021 hat der Rat erneut klar gestellt, dass Schreibungen mit Satz- und Sonderzeichen im Wort nicht konform mit den Regeln der Rechtschreibung sind.

Für Behörden und Bildungseinrichtungen gilt also: So darf man nicht schreiben. Punkt.

Darüber hinaus sollte man auch bedenken, dass Blinde und Sehgeschädigte Probleme mit dem computergestützten Vorlesen haben und ihnen damit die Teilnahme an Information und Kultur erschwert wird.

Klare Empfehlung: Nicht nutzen!

Sagbar: generisches Maskulinum und gezielte Paarformen

Seit Jahrzehnten verwenden wir schon umständliche Paarformen wie „Lehrerinnen und Lehrer“. Ist das generische Maskulinum nicht mehr sagbar?

Beides ist sagbar – in unterschiedlichen Situationen.

Zunächst bedeutet die Endung -er keinesfalls „männlich“, sondern nur „ausübend“, „daher stammend“ oder „dazugehörig“. Lehrer üben den Lehrberuf aus, Berliner stammen aus Berlin oder wohnen dort. Diese Endung ist nicht für Männer reserviert, ja, sie wird nicht einmal nur für Menschen gebraucht: „Frankfurter“ oder „Flieger“ können auch Dinge sein.

Frauen können alles sein. Anwalt und Anwältin. Frauen sind sogar die besseren Autofahrer.

Klöppler waren im Mittelalter ausschließlich Frauen. Müllerinnen dagegen waren die Ehefrauen der Müller und hatten eng abgesteckte Aufgaben im Familienbetrieb Mühle.

In Ostdeutschland benutzen Frauen schon immer und heute noch mit Stolz die gleichen Berufsbezeichnungen wie Männer.

Die weiblichen Bundeswehrsoldaten wollen mit den gleichen Dienstgraden angesprochen werden wie ihre männlichen Kollegen. In ihren Augen wäre alles andere Diskriminierung.

Generische Maskulina sind also in Bezug auf Frauen sehr wohl sagbar.

Mehr als das: Im Englischen schafft man die geschlechtsspezifischen Endungen -ess und -ette gerade ab: „actor“, „waiter“, „steward“ sind dadurch jetzt eindeutig generisch. Das gleiche befürwortet Nele Pollatschek auch für das Deutsche. Sie nennt sich Schriftsteller.

Zu Beginn des westdeutschen Feminismus hatte Luise F. Pusch ebenfalls die Abschaffung der diskriminierenden Endung -innen gefordert, konnte sich aber nicht durchsetzen. Ihre Kolleginnen wollten lieber durch die Paarform „sichtbar“ werden.

Und hier liegt das Problem aller generischen Wörter und Formen, keineswegs nur des generischen Maskulinums („Mensch“, „Person“, „Individuum“, „Studierende“, „Forschende“): Sie sind geschlechtsneutral und heben logischerweise nicht hervor, dass auch Frauen dabei sind.

Ich denke, es kann in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll sein, Frauen explizit zu nennen. Zum Beispiel bei der Begrüßung („Damen und Herren“) oder wenn man über Errungenschaften spricht, an denen Frauen beteiligt waren („Väter und Mütter des Grundgesetzes“) oder wenn es um Berufe und Positionen geht, die Frauen noch immer zu wenig zugetraut werden („Astronautinnen und Astronauten“).

Die berühmten Studien zur kindlichen Vorstellung von Männer- und Frauenberufen haben nämlich gezeigt, dass Paarformen in bestimmten Situationen einen Beitrag dazu leisten können, die Stereotype ein wenig aufzubrechen.

Was sie aber – ganz im Gegensatz zu dem, was beabsichtigt war – darüber hinaus aufzeigen, ist, dass es nicht am generischen Maskulinum liegt, dass einige Berufe eher Männern zugetraut werden. Das Ergebnis war bei gleicher Grammatik nämlich für alle Berufe sehr unterschiedlich. Und der Erfolg der Paarformen war gering.

Das ist auch kein Wunder: Vorstellungen werden von Erfahrungen geprägt, von Erlebnissen und von glaubhaften Bildern und Erzählungen, nicht von der Grammatik.

Die Paarform ist eine minimale Erzählung nebenbei, ein rhetorisches Mittel zur Hervorhebung der Anwesenheit von Frauen, mal aus Galanterie, mal zur Aufklärung, nicht mehr und nicht weniger.

Es ergibt aber selten Sinn hervorzuheben, dass auch Frauen Erzieher oder Grundschullehrer werden können oder dass es auch unter Wildpinklern, Terroristen und Vergewaltigern Frauen gibt.

Vor allem aber: Wenn die Paarform zur neutralen Normalform wird, geht die kleine Hervorhebung der Frauen nebenher verloren. Dann hat sie nur die Sprache komplizierter und das generische Maskulinum unhöflich gemacht.

Sagbar sind die Paarformen daher nur, wenn sie ganz gezielt eingesetzt werden, nicht wenn sie das generische Maskulinum ersetzen sollen.

Viel wirkungsvoller aber ist es, die Erfahrung zu vermitteln, dass Frauen alles sein und werden können. Dazu braucht es Erlebnisse sowie glaubhafte Erzählungen und Bilder. Erst dadurch werden Frauen sichtbarer.

Literatur: Wikipedia-Artikel Empiriker (zu Generisches Makulinum)

Unaussprechlich: die Gender-Pause

Das Deutsche klingt für viele Außenstehende hart. Ein Grund ist, dass wir Wörter, die mit Vokal anfangen (aber, Ober, Eber, über) mit einem Glottisschlag einleiten. Das ist das plötzliche Öffnen der Stimmlippen, bevor der Vokal anfangt.

Das machen wir ganz automatisch, ohne dass es uns bewusst ist. Der Glottisschlag lässt sich daher schwer unterdrücken: Das macht ihn zu einem Merkmal, an dem man den deutschen Akzent in Fremdsprachen erkennt.

Die Wörter „innen“ (das Gegenteil von „außen“) und „in“ (eine Präposition wie an, auf, über) werden ebenfalls mit Glottisschlag begonnen.

Wenn man nun versucht, eine Genderpause zu machen und danach die gleichnamigen Suffixe -in und -innen auszusprechen, stellt sich der Glottisschlag ein und man spricht unwillkürlich die Wörter „innen“ und „in“ aus. Wenn jemand sagt: „In unserem Aussichtslokal mit Terrasse beschäftigen wir zwanzig Mitarbeiter:innen“, fragt sein Gesprächspartner sicher nach der Anzahl der Mitarbeiter außen.

Dieses Verständnis liegt auch deshalb nahe, weil vor dem Glottisschlag Wortende-Signale nahezu unvermeidlich sind. Das sind lautliche Veränderungen, die klarmachen, dass das Wort zu Ende ist, wie z.B. die fehlende Aussprache des R und die Auslautverhärtung bei „Psycholog*innen“ (mit K statt G).

Ein unbetontes E [ə︎] mit Genderpause davor erscheint als Signal der Verlegenheit oder der Wortsuche (meist „äh“ geschrieben). Wer den Gender-Ausdruck „ein*e Mitarbeiter:in der Haushaltsabteilung“ aussprechen will, spricht also unwillkürlich „ein äh Mitarbeiter in der Haushaltsabteilung“ aus.

Korrektes Gendern nach Anatol Stefanowitsch soll diese Wortende-Signale vermeiden, erfordert also einiges an Sprach-Artistik und ist entsprechend selten.

Am Ende eines Wortes (wie von Luise F. Pusch vorgeschlagen) kann das Gender-Zeichen schon einmal gar nicht ausgesprochen werden. Es gibt zwar den Glottisschlag am Wortende, aber nur in den Interjektionen „so!“ und „tja!“ und da braucht es einen Vokal am Ende, mit einem N geht es nicht.

Die Gender-Pause ist also im wörtlichen Sinne unaussprechlich..

Gender-Aktivisten glauben nur oder tun so, als ob sie die Gender-Pause aussprechen. Sie setzen die Wörter „innen“ und „in“ hinter den Stamm der weiblichen Form (Expert innen, Berliner innen) und bauen auf den Kontext. Dadurch wird sich das Gehirn die Fehler schon zurechtbiegen und so klärt sich die Verwirrung, ob z.B. „Berliner Innenverwaltung“ oder „Berliner:innen-Verwaltung“ gemeint ist.

Dem generischen Maskulinum jedoch billigen sie die Klärung durch den Kontext nicht zu. In den berühmten psycholinguistischen Studien messen sie sogar, wie viele Millisekunden es braucht, bis ambigue (mehrdeutige) Formulierungen richtig verstanden werden und verwenden das als Argument gegen das generische Maskulinum..

Für die Klärung, ob in eine „Fußgängerzone“ tatsächlich nur Männer eingelassen werden, braucht es exakt 0,0 Millisekunden. Wie lange braucht es wohl, bis „FußgängerInnenzone“ richtig interpretiert wird?

Sagbar: generisches Maskulinum, Femininum und Neutrum, generischer Plural

Das Deutsche besitzt eine Vielzahl an Ausdrücken, die Personen bezeichnen, ohne auf deren Geschlecht zu verweisen. Sie werden deshalb „generisch“ genannt. Grammatisches und biologisches Geschlecht haben hier offensichtlich nichts miteinander zu tun.

Im Gegensatz zu anderen Sprachen ist bei uns der Mann auch nicht gleichzeitig der Mensch. Die Frau ist bei uns nicht sprachlich aus der Rippe des Mannes geformt worden, wie es im Englischen der Fall zu sein scheint (wo-man).

Und nicht nur das: Es gibt im Deutschen zahlreiche Generika in allen drei Genera (der Mensch, die Person, das Individuum). Solche Begriffe sind äußerst willkommen, wenn man sich aus dem Streit um das Gendern heraushalten möchte.

Ich möchte sie daher sehr empfehlen und dringend dazu raten, sie vor der Sexualisierung zu bewahren („Gästin“, „Vorständin“, „Mitgliederinnen“). Sie werden noch gebraucht.

MaskulinumFemininumNeutrum
MenschPersonIndividuum
Mitmensch, Alltags-, Augen-, Christen-, Familien-, Privatmensch etc.Amts-, Ansprech-, Aufsichts-, Autoritäts-, Begleit-, Bezugs-, Haupt-, Kontakt-, Privatperson etc.Wesen, Lebewesen, Fabelwesen, menschliches Wesen etc.
Zwilling, Drilling, Liebling, Flüchtling, Neuling, Säugling, Häftling, Prüfling, Lehrling, Häuptling, Feigling, Schützling etc.Persönlichkeit: Künstler-, Dichter-, Unternehmer-, Führungspersönlichkeit etc.Kind: Einzel-, Geburtstags-, Sonntags-, Glücks-, Spiel-, Erden-, Landeskind etc.
Gast: Fahr-, Bade-, Ehren-, Dauer-, Haus-, Kurgast etc. Kraft: Führungs-, Vollzeit-, Fach-, Büro-, Lehr-, Hilfskraft etc.Talent: Organisations-, Allround-,  Ausnahme-, Gesangs-, Showtalent etc.
Star: Film-, Rock-, Kinder-, Fernseh-, TV-Star etc.Figur: Führungs-, Galions-, Rand-, Haupt-, Nebenfigur etc.Scheusal
Boss: Drogen-, Gewerkschafts-, Wirtschafts-, Mafiaboss, etc.Waise: Halb-, Kriegs-, VollwaiseOberhaupt: Staats-, Familien-, Religionsoberhaupt etc.
Vorstand: Bahn-, Bezirks-, Bundes-, Kirchenvorstandseine/ihre/eure Majestät, Hoheit, Eminenz, Exzellenz, DurchlauchtGenie: Computer-, Finanz-, Musik-, Universalgenie
Kopf: Dick-, Dumm-, Stur-, Trotz-, Schlau-, HitzkopfGestalt: Lichtgestalt, Sagengestalt, Jammergestalt,Ebenbild, Vorbild
ElternteilLeiche: Kartei-, Bier-, Schnapsleiche, Geschwister: Halb-, Stief-, Zwillingsgeschwister
ProfiKoryphäeOpfer: Unfall-, Todes-, Anschlags-, Bauernopfer etc.
CharakterGeiselMitglied
TypTypeUngeheuer, Monster, Monstrum
Spross KreaturIdol
KumpelFrühgeburt, Ausgeburt, MissgeburtFrühchen
EngelAutorität, Kapazität, KoryphäeModel
Jockey, DiskjockeyInstanzGeschöpf
Nerd, Geek, Freak, CrackErscheinungSubjekt
SingleGrößeElement
Teenager, Teen, Teenie, TwenAushilfeDouble
ComedianBerühmtheitMuster
FanGranate, Kanone, LeuchteAss
HackerDrama Queen, DivaGegenüber
CEO, Assistant etc. (engl. Berufs- und Funktionsbezeichnungen)Erscheinung: Rand-, Ausnahmeerscheinung
Nichtsnutz, Gernegroß, Tunichtgut, Naseweis, etc. („Univerbierungen“)-natur: Froh-, Kämpfer-, Pferde-, Spieler-, Strebernatur

Das Deutsche besitzt eine große Anzahl an generischen Personenbezeichnungen aller Genera. Auch die umstrittenen Wörter auf -er gehören hierzu. Der Unterschied: die Möglichkeit zur Movierung mit „-in“

Der Plural hat im Deutschen – im Gegensatz zu den romanischen Sprachen – kein Genus, ist also weder Maskulinum noch Femininum oder Neutrum.

Neben dem Pluralwort „Leute“ gibt es zahlreiche Gruppenbezeichnungen im Singular. Die haben natürlich ein Genus, das aber immer generisch ist.

Interessant ist sicher der generische Singular „Mann“: „Wie viel Mann kommen noch?“ Hier wird der Mann zum Stückgut – und Frauen werden davon nicht ausgenommen.

PluralMaskulinumFemininumNeutrum
Leute, Gefolgsleute, Kaufleute etc.TrossMengeVolk, Völkchen
HerrschaftenStaat, HofstaatMasse, MenschenmasseGefolge
ElternVerbandGruppePublikum, Auditorium
GeschwisterVereinFamilieKollegium
Mann (generischer Singular, z.B. 5 Mann)
SchwarmHorde, Herde, Meute, Rotte, Schar, Schule, Rudel

Trupp-heit: Allgemeinheit, Mehrheit, Minderheit Korps

Block-schaft: Mannschaft, Herrschaft, Gesellschaft, Anhängerschaft, Gefolgschaft, DienerschaftTeam

Pulk-ung: Versammlung, Leitung, AbteilungPaar

Flügel-ation: Nation, Direktion, Inspektion, FormationLager

Kreis, Spielkreis, SingkreisBand, Kapelle, Combo Ensemble

ChorGangOrchester

KernEskorte, Vorhut/NachhutGewerk


ZelleKollektiv


BrigadeGeschwader


Runde, Skatrunde, Kränzchen


Reihe
Wörter, die auf -e enden, sind meistens generische Feminina

Kommt darauf an: „Zigeuner“

Die Sache ist hier verfahren:

Der Rat der Sinti und Roma möchte nicht, dass man „Zigeuner“ sagt, weil der Begriff von Rassisten missbraucht wurde und wird.

Die Sinti Allianz Deutschland findet den Begriff „Zigeuner“ angemessen und in jedem Fall besser als die unvollständige Aufzählung „Sinti und Roma“, die z.B. Jenische und Lovara ausgrenzt.

Für nicht Betroffene verbietet sich Besserwisserei. Deshalb kann ich Ratsuchenden nur empfehlen, sich an die Menschen selbst zu wenden.

Bei uns im Rheinland ist es zwar wahrscheinlicher, dass man auf Menschen trifft, die sich den Namen nicht von Rassisten nehmen lassen wollen und ihren jahrhundertealten Platz in der deutschsprachigen Geschichte trotz oder gerade wegen der erlittenen Verfolgungen mit Stolz behaupten. Wie ein betroffener Gesprächspartner jeweils darüber denkt, kann ich aber nicht wissen, bevor ich mit ihm darüber gesprochen habe.

Letztlich ist es wohl eine Frage der Strategie: Behalte ich eine traditionelle Bezeichnung und werte sie auf oder versuche ich, sie unsagbar zu machen und biete eine angemessene Alternative an? Die zweite Lösung hat allerdings einen weiteren Nachteil: Es gibt keine Garantie, dass der neue Begriff nicht auch beleidigend verwendet wird. Dieses Phänomen nennt man nach Steven Pinker „Euphemismus-Tretmühle“.

In jedem Fall sollten wir nicht Betroffene uns nicht um Begriffe wie Zigeunersauce und Zigeunerschnitzel streiten. Das ist anmaßend und paternalistisch.

Quelle: Markus Reinhardt auf ZigeunerwagenTV (Youtube) und Wikipedia Euphemismus-Tretmühle

Sagbar: „Flüchtling“

Es gibt Leute, die haben etwas gegen Flüchtlinge. Und es gibt Leute, die haben etwas für Flüchtlinge übrig. Auf beiden Seiten gibt es Leute, die haben etwas gegen das Wort. Den einen klingt es zu positiv, den anderen zu negativ.

Die einen wollen es durch „illegale Einwanderer“ ersetzen, die anderen durch „Geflüchtete“, „Flüchtende“ oder „Menschen mit Fluchterfahrung“.

Grund genug, dabei zu bleiben. Es ist ohnehin Bestandteil der Namen unserer wichtigsten Hilfswerke, Gesetze, Verträge.

Einige wohlmeinende Menschen stören sich aber an der Endung -ling. Entweder weil es Maskulinum ist – wie Mensch oder Gast. Was wäre daran verwerflich? Oder weil die Endung angeblich etwas Verniedlichendes oder etwas Αbwertendes hat. Tatsächlich gibt es solche Wörter mit -ling: Schönling, Jüngling, Feigling. Es gibt aber auch Neulinge und Zwillinge, Schützlinge und Lieblinge. An der Endung kann es also gar nicht liegen.

Die Partizipien passen überdies nur auf einen Teil der Flüchtlinge, diejenigen auf der Flucht (Flüchtende) oder die nach der Flucht (Geflüchtete). Was „Fluchterfahrung“ umfasst, ist zwar ohnehin unklar. Es klingt aber harmloser oder so, als sei die Flucht schon länger her.

Für alle kann man den Begriff Flüchtling nutzen. Er wertet nicht ab oder auf, er benennt lediglich einen international anerkannten Status. Und die, die es betrifft, sollten nicht ausgerechnet bei diesem Begriff auf ein babylonisches Sprachengewirr treffen.

Ein Vorteil des generischen Maskulinums: Es gilt für alle, ohne Grammatikprobleme: Die Deklination von Adjektiven und damit auch von Partizipien ist dagegen ziemlich kompliziert: Warum heißt es der Geflüchtete, aber ein Geflüchteter? Und nach Geschlecht muss ich auch noch unterscheiden: er ist Geflüchteter, sie Geflüchtete. Oder ist sie Flüchtende, er Flüchtender? Einfacher ist zum Einstieg in die neue Sprache besser: der Flüchtling, ein Flüchtling, sie ist Flüchtling, er auch.

Mein Rat: Das Wort „Flüchtling“ sollte für alle sagbar bleiben.

Literatur: Wikipedia Flüchtling

Sagbar: „Mohrenstraße“ und „Mohrenapotheke“

Straßennamen sind in die Kritik geraten. Insbesondere, wenn sie Personen ehren, die heute keine Ehrung mehr verdienen.

Bei der Mohrenstraße ist das anders. Sie soll umbenannt werden, obwohl damit Menschen geehrt werden, die es verdient hätten, sichtbar zu sein. Das Gleiche passiert mit den Mohrenapotheken.

Es ist das Verdienst der Mohrenstraßen, darauf aufmerksam zu machen, dass dunkelhäutige Menschen schon seit Jahrhunderten zu Deutschland gehören. Mehrere afropäische Filmemacher verfolgen dieses Ziel übrigens ebenfalls.

Mohrenapotheken verweisen auf die Mauren, die mittelalterlichen Herrscher über das heutige Spanien und Portugal. Daher stammt das Wort „Mohr“ (el moro). Muslimische Ärzte waren damals in der Heilkunst den Christen weit überlegen und wurden so zum Symbol medizinischer Expertise.

Die bildliche Darstellung des Mohren ist sicher sehr stereotyp gewesen wie Wappen und Fahnen es immer sind, ja sein müssen, weil sie von weitem erkannt werden sollen. Aber sie zeigen sie durchaus in einem positiven Zusammenhang, schließlich identifiziert man sich sogar mit ihnen..

Gleichzeitig bieten die Namen und Bilder fortwährend Anlass, z.B. mit Kindern, Besuchern oder Zugereisten über diese Menschen zu sprechen, die damit zu einem Teil unserer Geschichte und Identität werden.

Das Wort „Mohr“ selbst – übrigens ein weit verbreiteter Familienname – ist nur in einem historischen Kontext gebräuchlich. Es wird überhaupt nicht auf moderne Menschen angewandt. Deshalb muss auch niemand vor dem Namen geschützt werden.

Mein Rat wäre deshalb: Mohrenstraßen und -apotheken unbedingt beibehalten und gleichzeitig weitere Straßen nach Persönlichkeiten benennen wie Anton Wilhelm Amo oder Ignatius Fortuna. Gerne im Austausch gegen Namen, die diese Ehrung wirklich nicht verdient haben.

Und wenn Sie mich nach dem „Mohrenkopf“ fragen: Der Name ist natürlich inspiriert von den stereotypen Mohrenköpfen auf Wappen, Fahnen etc., die auch heute noch überall Verwendung finden. Bezieht sich also nicht auf wirkliche Personen wie Afrikaner oder Afropäer.

Der Kontext entscheidet hier über seine Verwendbarkeit: Wer sagt es zu wem in welcher Situation? Anstand und Feingefühl lassen sich nicht durch Sprachverbote ersetzen.

Als Betroffener kann man positive Stereotype humorvoll nehmen wie Andrew E. Onuegbu, der schwarze Kieler Chef, der sein Restaurant „Zum Mohrenkopf“ genannt hat. Er wehrt sich explizit dagegen, dass Weiße ihm sagen, wann er sich beleidigt fühlen muss, und spielt lieber selbstbewusst und selbstermächtigend mit dem Wort.

Andererseits ist die mittlerweile weit verbreitete Bezeichnung „Schokokuss“ auch sehr hübsch … Oder vielleicht doch zu sexy für eine ungesunde Süßigkeit?

In Österreich sagt man übrigens „Schwedenbombe“. Ob das wohl alle Schweden sagbar finden? Oder alle Pazifisten unsagbar?

Literatur: Wikipedia Mohrenstraße und Mohr

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