Ein Blog über Sprache

Monat: Juli 2021

Sagbar: Gender-Witze

Heute in der Rhein-Zeitung:

Kommt eine Gleichstellungsbeauftragte in die Kneipe: „Eine Radlerin bitte“. Darauf der Wirt: „Tut mir Leid, das Zapfhuhn ist kaputt.“

Wieder einmal in der Rhein-Zeitung:

„Wir fordern eine gendergerechte Sprache in ganz Europa und Euroma!“

Sagbar: Einmannpackungen

Der Presse entnahm ich heute, dass die Bundeswehr es für unzeitgemäß hält, den Begriff „Einmannpackung“ zu verwenden.

Wahrscheinlich hatte die Gleichstellungsbeauftragte mal wieder zu viel Zeit und zu wenig Ahnung.

Ich darf Ihnen versichern, „Mann“ ist an dieser Stelle genauso wenig geschlechtsspezifisch wie in den Ausdrücken „Mannschaft“, „unbemannt“ oder „Oh, Mann!“

„Mann“ wird zur Mengenangabe benutzt: Einmannsegler, Zweimannzelt, 200 Mann Besatzung etc. Die äußerliche Besonderheit ist, dass es nur im Singular benutzt wird. Damit steht es in einer Reihe mit „Stück“, „Kilo“, „Euro“ etc.

„Zweimännerpackungen“ wird es also nie geben.

Es wird nicht lange dauern und die Gleichstellungsbeauftragte der Bundeswehr wird auch „Mensch“ und „man“ für nicht mehr zeitgemäß halten, da sich beides von „Mann“ ableitet, nur notdürftig von der Schreibung versteckt. „Einmenschpackung“ wäre also nur vorübergehend eine Alternative.

Meine Anregung wäre daher: Vielleicht sollte man lieber überlegen, ob Gleichstellungsbeauftragte noch zeitgemäß sind. Sie haben offensichtlich nichts Wichtiges zu tun.

Unsäglich: sprachlicher Rassismus

Wahrscheinlich renne ich offene Türen ein, wenn ich sage, dass Sprachpurismus eine Art sprachlicher Rassismus ist. Der Sprachpurist fremdelt nicht nur mit fremden Wörtern, er will Fremdwörter systematisch ausmerzen, weil er findet, dass sie nicht dazugehören. Auch wenn sie gar nicht als fremd wahrgenommen werden. Die Abstammung ist entscheidend.

Nun ist Deutsch aber eine Einwanderungssprache. Über die Jahrhunderte ist es beeinflusst worden von Nachbarsprachen, überregionalen Verkehrs-, Kultur- und Wissenschaftssprachen. Und mit neuen Dingen wanderten auch neue Wörter ein. 

Wenn fremde Wörter schließlich heimisch werden wie die „Nase“ oder der „Keks“, dann haben eigentlich nur Extremisten etwas gegen sie. Diese könnte man sprachliche Rassisten nennen.

Allerdings gibt es auch eine weitere Spielart des sprachlichen Rassismus. Der Glaube, eine Sprache sei der anderen über- oder unterlegen. Chauvinismus wäre ein passender Begriff.

Der Ausdruck „Barbar“ ist ein Zeugnis davon. Die fremde Sprache ist reines Blabla, sie ist gar nicht wert, eine Sprache zu heißen. Wer so spricht, hat keine Kultur.

Die Annahme, dass Steinzeitmenschen nur unartikulierte Laute ausgestoßen hätten, ist auch solch ein Ausweis von sprachlicher Überheblichkeit. 

In Wirklichkeit gibt es aber gar keine minderwertigen Sprachen, es gab sie nie. 

In allen Sprachen der Welt konnte und kann man alles sagen. Übersetzungen erfordern zwar Kunstfertigkeit und wo eine Sprache ein einzelnes Wort hat, muss man bei der Übersetzung in der anderen Sprache zwei oder mehr Wörter verwenden, unübersetzbar ist aber nichts. Die Bibel erscheint mir als ein gutes Beispiel.

Neuerdings gibt es allerdings Stimmen, die den Übersetzern ihre Kunstfertigkeit absprechen. Akzeptiert wird eine Übersetzung nur noch, wenn der Übersetzer eine ähnliche Identität besitzt wie der Autor des Originals. Aber das ist ein anderes Thema.

Was mich besonders beschäftigt, ist die Ansicht, einzelne Sprachen seien anderen moralisch überlegen. Sie seien weniger sexistisch, weniger rassistisch, weniger kolonialistisch. Über Finnisch wird so etwas ständig gesagt.

Das ist ebenfalls chauvinistisch, also eine Art sprachlicher Rassismus. Es ist nicht viel besser, als Hautfarben moralisch auf- und abzuwerten. Niemand ist besser, nur weil er eine bestimmte Hautfarbe besitzt oder eine bestimmte Sprache spricht. 

Moralisch kann nur der einzelne Mensch sein, sein Handeln, seine Äußerungen und seine Texte. 

Eine Sprache „gerecht“ zu nennen, ist blanker Chauvinismus. Das sagt den anderen: Ihr seid Barbaren, eure Sprache ist minderwertig. 

Gewollt ist das vielleicht nicht, das möchte ich niemandem unterstellen, es ist ursprünglich wohl Propaganda für die Verwendung eines dilettantisch zusammengestoppelten Gender-Esperanto – in der Wirkung ist es aber beleidigend.

Wie immer hat auch dieses chauvinistische Überlegenheitsgefühl überhaupt kein Fundament. 

Zur angeblich egalitärsten aller Sprachen möchte ich hier die Wiener genderlinguistische, feministische Wissenschaftlerin Liisa Tainio zitieren:

„Die finnische Sprache kann in einer Weise verwendet werden, die als sexistisch, ungleich und sogar frauenfeindlich angesehen werden kann. Darüber hinaus ist die Arbeit an der Gleichstellung der Geschlechter in Finnland, auch wenn sie wichtig war und einige Erfolge erzielt hat, keineswegs abgeschlossen. Tatsächlich könnte man leicht behaupten, dass die Ungleichheit der Geschlechter in mancher Hinsicht in den letzten Jahren nicht ab-, sondern zugenommen hat (siehe z. B. Raevaara 2005).“ 

Dies ist eine Übersetzung des folgenden englischen Originals:

„Finnish can be used in ways that can be regarded as sexist, unequal, and even misogynist. In addition, even if the work on gender equality in Finland has been vital and has had some success, it is in no way finished. In fact, one could easily claim that in some respects the inequality of the sexes has not diminished but increased during the last years (see e.g. Raevaara 2005).“

Liisa Tainio: Gender in Finnish Language Use: Equal, Inequal and/or Queer?

Online in: https://webfu.univie.ac.at/texte/tainio.pdf (1.7.21)

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