Ein Blog über Sprache

Monat: Juni 2021 (Seite 1 von 2)

Unsagbar: „geschlechtergerecht“

„Geschlechtergerechte Sprache“ ist ungerecht.

Der Name sagt den Menschen: „Eure Sprache ist böse, unsere Sprache ist gut. Deshalb sind wir besser als ihr.“

Auch „achtsam“ ist diese Sprache nicht. Im Namen der Achtsamkeit werden die Menschen missachtet, die ihre Sprache lieben. Sie gehören offensichtlich nicht zu denen, auf die man Rücksicht nehmen muss.

Im Gegenteil: Sie sind der Feind im Kulturkampf um die Frage, was man sagen darf und wie man es sagen muss.

„Selbstgerechte Sprache“ wäre der treffendere Name.

Gendern mit Genderzeichen und Glottisschlag macht Frauen nicht sichtbar. Man hört und sieht nur noch die Selbstgerechtigkeit.

Männer werden überdies oft unsichtbar gemacht: „Expert:innen“ – Wo bleiben die Experten? Chef*innen – Wo sind die Chefs? „Wander_innen“ – Wo sind die Wanderer?

Die Schreibung „Kolleg(inn)en“ würde Männer und Frauen zeigen. Und Klammern wären auch kein schlechteres Symbol als ein Unterstrich, ein Stern oder ein Doppelpunkt. Klammern verstoßen nicht einmal gegen die Rechtschreibung.

Auch Paarformen sind besser. Sie sind ein rhetorisches Mittel, eine Tautologie, um Frauen sichtbar zu machen: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – alle und die Frauen.

Gendersprache ist schlechter als all das. „Schlechter gerechte Sprache“ wäre also ein besserer Name.

Unsere gemeinsame Sprache hat uns bisher immer gute Dienste geleistet. Man kann mit ihr alles sagen, was man will. Man kann mit ihr alles denken, sich alles ausdenken, eine bessere Welt und Verschwörungstheorien.

Aber sie ist nicht besser als andere Sprachen, auch nicht besser als Gendersprache. Es gibt keine besseren und schlechteren Sprachen. Aber es gibt gemeinsame Sprachen und Sondersprachen. Sprachen, die sich absondern. Gendersprache ist so eine Sondersprache.

Unsere gemeinsame Sprache hat es uns möglich gemacht, mit anderen über alles zu streiten, auch mit Andersdenkenden. Sobald uns die Sprache trennt, können wir das nicht mehr. Wir können uns nicht einmal mehr zuhören. 

Sprechen wir also lieber wieder „gemeinsame Sprache“! Und streiten wir uns um die Lösungen für Probleme unserer gemeinsamen Welt.

Gemeinsame Sprache hat den Kit, der zusammenhält, auch wenn alles auseinanderdriftet. Sprachliches Gluten, sozusagen. Aber manche sind allergisch gegen den Kleber, er macht sie krank.

Vielleicht wäre „glutenfreie Sprache“ ein treffender Ausdruck.

Unsichtbar: Wo Genderformen versagen

Genderformen sollen alle Geschlechter entweder sichtbar oder unsichtbar machen. Das sind allerdings zwei widerstreitende Ziele. Mit geschlechtslosen Wörtern kann man kein Geschlecht hervorheben.

Unsichtbar ist einfach: Man benutzt generische Wörter, Maskulina, Feminina und Neutra: der Mensch, die Person, das Individuum.

Gender-Aktivisten ist das Maskulinum aber schon zu männlich (der Talkshow-Gast). So als wäre ein Gast allein schon deshalb eher ein Mann als eine Frau, weil es „der Gast“ heißt.

Deshalb erfinden sie neue weibliche Wörter zu den maskulinen Oberbegriffen: die Gästin, die Vorständin. Nun taugen die generischen Maskulina nicht mehr zur Unsichtbarmachung. Der Gast, der Vorstand – das müssen wohl Männer sein.

Das Femininum (z.B. „die berühmte Persönlichkeit“) erscheint ihnen dagegen niemals zu weiblich. Generische Feminina werden sogar als Ersatz für maskuline Generika empfohlen (Lehrkraft, Lehrperson). Da erfinden sie natürlich keine männlichen Wörter hinzu. Das ginge auch nicht wirklich gut („Personerich“?).

Es gibt nämlich nur ein Geschlecht, das man mit einer Endung sichtbar machen kann: das weibliche. Dazu verwendet man die Endung „-in“ bzw. „-innen“. Nur dafür ist sie da. Ansonsten hat sie keine Bedeutung.

Gegenüber dem dritten Geschlecht (gibt es eigentlich nur ein weiteres Geschlecht?) finden die Gender-Aktivisten das ungerecht. Da setzen sie einfach noch ein Zeichen oder eine Pause zum weiblichen Wort dazu.

Damit wären nun also zwei Geschlechter sichtbar.

Aber was ist mit dem männlichen Geschlecht?

Das ist angeblich in der weiblichen Form schon enthalten.

Abgesehen davon, dass es damit ja noch nicht sichtbar ist – das ist nur bei den verpönten Klammerformen der Fall: Expert(inn)en. Stimmt das überhaupt? Ist der Arzt schon in der Ärztin enthalten? Der Wanderer in der Wanderin? Der Psychologe in der Psychologin? Sind die Chefs schon Teil der Chefinnen? Die Freunde Teil der Freundinnen? Nein. Männer sind hier unsichtbar.

Bei der Movierung, also der Bildung weiblicher Personenbezeichnungen auf der Grundlage eines generischen Maskulinums, passiert nämlich noch mehr als nur das Anhängen von Buchstaben.

UmlautKöchin, Ärztin, Bäuerin, Gräfin
Apokopierung 1. -e: Orthopädin, Psychologin, Pädagogin, Beamtin, Zeugin, Kollegin, Genossin, Kundin, Russin
2. –er: Bewunderin, Förderinnen, Herausforderin, Hundeflüsterinnen, Kletterin, Kümmerin, Wanderin, Zauberinnen
3. Plural-s: Chefinnen, Clowninnen, Coachinnen
Umlaut + ApokopeSchwäbin, Sächsinnen, Spitzbübin
AkzentverschiebungModeratorin, Kommentatorin, Autorin

Und auch bei der Einfügung eines Sonderzeichens oder der Genderpause passiert noch einiges mehr als das. Lautlich werden hier nämlich nicht die Endungen „-in“ und „-innen“ an ein Wort angehängt, sondern die Wörter in und innen dahintergesetzt. Dadurch kommt es zu folgenden Änderungen

AuslautverhärtungPsycholog*in, Pädagog:innen (K statt G),
Doktorand_in, FreundInnen (T statt D),
Dieb*in, Erb:innen (P statt B),
König_in (CH oder K statt G),
SklavIn, Elev:innen (F statt V),
Chines*in, Französ_innen (stimmloses S statt stimmhaftes)
Vokalisierung des RLehrer*in, Mitarbeiter:innen, Ingenieur_in, BibliothekarInnen
Änderung der SilbengrenzeExpert_innen, Kommiliton*in etc. (eigentlich alle)

Als Ausweg erscheint vielen das substantivierte Partizip, entweder das Partizip Präsens (Dozierende) oder das Partizip Perfekt (Geflüchtete). Geschlechter werden hier allerdings wieder einmal nicht sichtbar, sondern unsichtbar.

Vor allem in der Uni, wo es kaum noch Studenten gibt, sondern nur noch Studierende, hat sich das durchgesetzt.
Dadurch scheint die Welt jetzt schon ein bisschen besser geworden zu sein: Abgesehen davon, dass jetzt alle Studenten auch wirklich studieren und die Dozenten das Dozieren gar nicht mehr lassen können (nicht einmal im Forschungsfreisemester), ist bei den Flüchtlingen jetzt die Flucht schon vorbei, selbst wenn sie noch im Camp auf ihre Weiterreise hoffen. Und ich bin als Sprachforschender endlich auch den Forschern gleichgestellt.

Das Partizip versagt aber zur Hälfte bei seiner neuen Aufgabe, das Geschlecht unsichtbar zu machen. Das gelingt nämlich nur im Plural, der im Deutschen ja ohnehin kein Genus hat. Im Singular schlägt das generische Maskulinum wieder zu:

„Jeder vierte Studierende wohnt wieder im »Hotel Mama«“ (RP-Online.de, 3.3.2021)

„Weitersagen: Was jeder Studierende wissen sollte, um mit dem Geld auszukommen“ (finanztip.de, 5.10.2018)

„Bücher, die jeder Studierende gelesen haben sollte“ (uniglobale.com, 15.7.2019)

„Studie: Jeder vierte Studierende leidet unter starkem Stress“ (fu-berlin.de, 10.10.2018)

„die geschätzte Bearbeitungszeit, die ein Studierender braucht, um…“ (ili.fh-aachen.de, 29.5.2020)

„eine Methode […], die einem einzelnen Studierenden […] individuell zugeschnittene Lernangebote und -möglichkeiten anbietet“ (wiki.ill.uni-halle.de, 21.8.2018)

„Gute Lehre ist egal, ein Studierender braucht die richtige Persönlichkeit“ (link.springer.com, 5.5.2016)

„Jeder zweite Geflüchtete ist psychisch belastet“ (aerzteblatt.de 19.9.19)

„Welcher Geflüchtete darf in Deutschland arbeiten?“ (fkasyl.de)

„Jeder Zugewanderte muss sich, unabhängig von seinem Status oder dem Grund für seinen Aufenthalt, in der Ausländerbehörde melden.“ (landkreis-lueneburg.de, 10.12.15)

„Jeder Kursteilnehmende soll eine eigene Projektidee mit einbringen. “ (https://www.iao.fraunhofer.de/de/presse-und-medien/aktuelles/wie-kmu-von-digital-natives-lernen-koennen.html, 27.3.19)

Das Problem gilt übrigens grundsätzlich für alle substantivierten Adjektive, nicht nur für Partizipien.

„Jeder Rote ist ein Grüner“ (luhze.de, 16.8.2019)

Unverwechselbar: Genus und Geschlecht

Wie in unserer Sprache Geschlechter benannt werden

Die deutsche Sprache teilt die Welt nicht in 3 Gruppen ein, erst recht nicht nach Mann, Frau, Sache, wie manche glauben:

männlichweiblichsächlich
TarzanJaneRasiermesser
der Manndie Fraudas Ding
der Kundedie Kundin
Abb. I: Was viele glauben, wie die Sprache die Welt sieht

Menschen und Tiere werden im Deutschen vielmehr wie folgt gegliedert:

Oberbegriff
(generisch)
männlichweiblichnoch nicht
geschlechtsreif
Gruppe
(generisch)
das
Pferd
der
Hengst
die
Stute
das
Fohlen
die
Herde
der Menschder
Mann
die
Frau
das
Kind
die
Leute
der Kundedie Kundindie Kundschaft
Abb. II: Wie die deutsche Sprache tatsächlich Geschlechter darstellt (ausgelassen wurden hier die Kastrierten, für die es beim Pferd auch ein Wort gibt <der Wallach>, bei Kunden jedoch nicht)

Wie bei „Kunde“ gibt es nicht immer ein spezielles Wort für alle Ober- und Unterbegriffe. Benennen kann man sie aber trotzdem. Meist mit Attributen (männlicher Kunde) oder Komposita (Forscher-Kid, Enkelsohn), im Notfall mit Relativsätzen.

Oberbegriffmännlichweiblichnoch nicht geschlechtsreifGruppe
der Mitarbeiterder männliche Mitarbeiterdie Mitarbeiterindas Kind, das mitarbeitetdie Belegschaft
das Geschwisterder Bruderdie Schwesterdas Geschwisterchendie Geschwister
Nicht für alle Ober- und Unterkategorien gibt es eigene Wörter, benennen kann man sie doch

Auch für Sachen gibt es Oberbegriffe, sie werden dann aber nicht nach ihrem Geschlecht unterschieden. Sie haben ja keins. Höchstens ihre Besitzer: Herrenschirm, Damenschirm, Kinderschirm, Lampenschirm.

Woher kommt es jetzt aber, dass viele die völlig irrige Vorstellung haben, die Sprache teile die Welt in männlich, weiblich, sächlich ein?

Eine Verwechslung

Man erzählt ihnen seit Jahrhunderten, die deutsche Sprache kenne drei Geschlechter. Wer Deutsch lernt, wird darauf getrimmt – und hat gehörige Probleme damit. Fragen Sie nur Mark Twain.

In Wirklichkeit hat das Deutsche 3 Genera: Maskulinum, Femininum, Neutrum – der, die, das. Sie werden für alles benutzt: Dinge, Lebewesen, Geschehnisse, Sachverhalte. Nichts bleibt vom Genus verschont, egal ob es ein Geschlecht besitzt oder nicht: der Tisch, die Lampe, das Bett, der Hund, die Katze, das Huhn, der Unsinn, die Wahrheit, das Erlebnis.

Im Plural hat das Deutsche allerdings gar kein Genus.: die Tische, Lampen, Betten, Hunde, Katzen, Hühner. Ein generische Maskulinum hat im Plural nichts Maskulines: die Menschen, Gäste, Freunde, Kollegen, Studenten, Forscher.

Bei Lebewesen gibt es allerdings tatsächlich für bestimmte Begriffe eine Korrelation zwischen Genus und Geschlecht, daher haben die Genusbezeichnungen ja ihren Namen. Sie ist der Grund für die Verwechslung:

Wenn eine Bezeichnung ausschließlich für männliche Exemplare einer Gattung gedacht ist, ist sie meistens ein Maskulinum (Vater, Hahn). Dasselbe gilt für ausschließlich weibliche (Mutter, Henne) und noch nicht geschlechtsreife Lebewesen (Kind, Küken). Kastrierte bleiben allerdings trotz der Operation Maskulina (Eunuch, Kapaun). Es gibt ein paar Ausnahmen ohne Korrelation: die Drohne, der Welpe, das Weib, die Memme.

Wie gesagt: Die Korrelation zwischen Genus und Geschlecht gilt nur für Bezeichnungen, die zur Unterscheidung nach Geschlecht gedacht sind. Das ist also nicht so überraschend.

Die Korrelation gilt aber keineswegs für die Oberbegriffe. Diese können Maskulina, Feminina und Neutra sein. Man nennt sie daher „generisch“ („allgemeingültig“).

MaskulinumFemininumNeutrum
Mensch, Kumpel, SinglePerson, Wache, WaiseIndividuum, Wesen, Mitglied
Beispiele für generische Maskulina, Feminina und Neutra

Auch die unzähligen Wortbildungen mit der Endung „-er“ sind Oberbegriffe (also „generisch“), sie sind nicht zur Unterscheidung nach Geschlecht gedacht. Sie beziehen sich nicht einmal nur auf Menschen: Flieger, Berliner, Engländer, Benziner.

Der kleine Unterschied

Es gibt aber eine Endung, die hat gar keine andere Aufgabe als nach dem Geschlecht zu unterscheiden, sie bedeutet nur eins: „weiblich“.

Das ist die Endung „-in“ (im Plural „-innen“). Aus jedem Oberbegriff werden mit ihrer Hilfe die weiblichen Exemplare aus der Kategorie herausgehoben: Die Kundin ist ein weiblicher Kunde, die Autofahrerin ein weiblicher Autofahrer, die Kätzin eine weibliche Katze und sogar die Mitgliedin ein weibliches Mitglied etc. Diese Wörter sind alle Feminina, hier korrelieren also Genus und Geschlecht, weil es darum ja auch geht.

Für Männer gibt es auch so eine Endung: „-rich“. Sie wird aber kaum gebraucht und wenn, dann nur bei Tieren (Mäuserich, Gänserich). Bei Menschen würde sie daher albern klingen (*Hebammerich, *Politesserich). Man würde aber verstehen, was gemeint ist: eine männliche Hebamme bzw. Politesse.

Auf die Endung kann man allerdings verzichten, dann muss man stattdessen das Adjektiv „männlich“ hinzufügen.

Dass „männlicher Autofahrer“ keine Tautologie ist, zeigt der folgende Satz: „Vor roten Ampeln neigen männliche Autofahrer dazu, in der Nase zu popeln.“ Ohne das Adjektiv „männliche“ wären alle Autofahrer gemeint, auch die Frauen. Anders bei „weibliche Autofahrerinnen“: Das Adjektiv steckt schon in der Endung, eins von beiden kann problemlos weggelassen werden. Eine reine Tautologie.

Noch eine Verwechslung

Bei diesem Thema gibt es eine zweite weit verbreitete Verwechslung: Wortbildung ist nicht Grammatik, man bildet mit „-in“ und „-rich“ nicht das Femininum und Maskulinum zu einem Nomen. Man erfindet ein neues Wort!

Zu den generischen Maskulina erfindet man weibliche Wörter hinzu, die nicht zufällig Feminina sind: zum Autofahrer die Autofahrerin, zum Studenten die Studentin.

Das ist so ähnlich wie bei den Parkplätzen im Parkhaus. Wenn man einige von ihnen für Frauen reserviert, werden diese zu Frauenparkplätzen.

Das jeweils neue Wort ist dann der Unterbegriff zu dem Ursprungswort. Es bezeichnet z. B. eine besondere Art Autofahrer, Student, Parkplatz.

Die Oberbegriffe bleiben aber für alle zugänglich. So machten die neuen Frauenparkplätze nicht die anderen Parkplätze zu Männerparkplätzen und die Erfindung der Herrentorte verwandelte nicht alle anderen Torten in Damentorten und die Entdeckung der Männergrippe ließ die anderen Infekte nicht zu Frauengrippen werden.

Man kann Wörter mit den Endungen „-in“ und „-rich“ übrigens ganz spontan erfinden und trotzdem verstehen die Menschen die neuen Wörter: Mitgliederich, Kumpelin, Bäumerich und Bäumin. Aktuelle Neuschöpfungen im Duden sind z.B. Gästin, Vorständin, Bösewichtin.

Die feministische Sprachkritik behauptet trotz allem, der Oberbegriff sei – allerdings nur im Falle eines Maskulinums! – der geschlechtsspezifische Begriff. Sogar die aktuelle Duden-Redaktion kolportiert neuerdings dieses alternative Faktum.

Damit wird die Forderung begründet, dass man den weiblichen Begriff immer zu einem maskulinen Oberbegriff dazusagen müsse, um alle anzusprechen („Autofahrerinnen und Autofahrer“). So als müsse man zu „Parkplätze“ immer auch „Frauenparkplätze“ und zu „Torten“ immer auch „Herrentorten“ dazusagen, damit wirklich alle Parkplätze und Torten gemeint sind.

Sie kommen aber nie auf die Idee, dass ein Femininum als Oberbegriff oder Gruppenname nur die Frauen meine (Person, Persönlichkeit, Geisel, Kundschaft, Familie, Herde) oder ein generisches Neutrum sich nur auf noch nicht geschlechtsreife Personen beziehe (Individuum, Wesen, Genie). Sonst müsste man am Ende noch „Personen und Personeriche“ sagen oder „Genies, Genieriche und Genieinnen“.

Nicht auszudenken, wenn weitere Geschlechter-Endungen hinzuträten! Bei jeder Personenbezeichnung würde die Liste immer länger wie die Bezeichnung der LGBT+-Community.

Literatur: Wikipedia-Artikel „Liste der Bezeichnungen für Haus- und Wildtiere

Unlesbar: Der*Des Kaiser*in*s neue Wörter

Das Märchen von der geschlechtergerechten Sprache frei nach Hans-Christian Andersen*datter

Der*Des Kaiser*in*s neue Wörter

Es war einmal ein*e Herrschende*r, der*die sich gern in neue Worte kleiden wollte, um gerechter zu erscheinen. Er*Sie fiel auf einige Trickbetrüger*innen herein, die sich als Wortweber*innen ausgaben. Deren Wortkreationen waren angeblich nicht nur gerechter, sondern auch in der Lage, den*diejenige*n, der*die sie nicht verstehen konnte, als dumm und für sein*ihr Amt ungeeignet zu entlarven. Der*Die Herrschende, der*die die neuen Wörter in Wirklichkeit selbst nicht verstand, ernannte diese Art der Wortweber*innen*ei zur Wissenschaft und besoldete die Trickbetrüger*innen fürst*innen*lich

Als der*die Kaiser*in eine Ansprache an sein*ihr Volk hielt und dabei die neuen Wörter verwendete, wollte niemand*in zugeben, dass er*sie der Rede nicht folgen konnte, bis auf einmal ein Kind laut lachte und rief: „Das sind ja gar keine Wörter!“

Falls jemand*in das nicht versteht, hier eine Version mit hoffnungslos veralteten Wörtern:

Des Kaisers neue Wörter

Es war einmal ein Herrscher, der sich gern in neue Worte kleiden wollte, um gerechter zu erscheinen. Er fiel auf einige Trickbetrüger herein, die sich als Wortweber ausgaben. Deren Wortkreationen waren angeblich nicht nur gerechter, sondern auch in der Lage, denjenigen, der sie nicht verstehen konnte, als dumm und für sein Amt ungeeignet zu entlarven. Der Herrscher, der die neuen Wörter in Wirklichkeit selbst nicht verstand, ernannte diese Art der Wortweberei zur Wissenschaft und besoldete die Trickbetrüger fürstlich.

Als der Kaiser eine Ansprache an sein Volk hielt und dabei die neuen Wörter verwendete, wollte niemand zugeben, dass er der Rede nicht folgen konnte, bis auf einmal ein Kind laut lachte und rief: „Das sind ja gar keine Wörter!“

(frei nach Hans-Christian Andersen)

Unschreibbar: Schwarz auf Weiß

Eine Satire

Struktureller Rassismus in internationalen Medien

Wissen ist Macht. Festgehalten in Büchern und elektronischen Text-Dokumenten. Schwarz auf Weiß.

Aber während Weiß seit Jahrhunderten und in allen Sprachen der Welt ohne erkennbare eigene Leistung die Fläche besetzt hält, begnügt sich Schwarz mit Linien und Punkten und erreicht somit nur einen unwesentlichen Anteil an der Macht des Wissens. Dabei sind sie es, die die Bedeutung tragen. Studien haben gezeigt, dass die Rolle des Trägers der Bedeutung in allen Kulturen der Welt dem Schwarzen zugewiesen wird. Ein bisher völlig ausgeblendetes Überbleibsel des Kolonialismus. 

Die umgekehrte Farbverteilung wird in diskriminierender Absicht „Nachtmodus“ genannt, um das Schwarze in das mit Angst besetzte Reich der Dunkelheit zu verweisen.

Ein weiterer vernachlässigter Aspekt des strukturellen Rassismus in Medien ist die Unsichtbarkeit der diversen Farben. Nicht jeder Mensch kann sich mit der ihm von der Gesellschaft zugewiesenen Colour identifizieren, nicht jeder ist schwarz oder weiß.

Zurecht wird daher gefordert, dass nur noch mit Rot, der gemeinsamen Farbe des Blutes, geschrieben werden darf. Der Hintergrund sollte in einem proportionalen Gemisch der verschiedenen Hautfarben gehalten sein, um sie alle sichtbar zu machen. Dort, wo das nicht möglich ist, könnte ein neutrales Grün gewählt werden. 

Es darf an dieser Stelle aber nicht verschwiegen werden, dass Vertreter der Rot-Grün-Blinden Bedenken geäußert haben. Hierbei handelt es sich jedoch um ein vernachlässigbares Phänomen, da es ausschließlich weiße Männer betrifft, die per definitionem nicht diskriminiert werden können.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf meine preiswerte 2-bändige Anleitung „Richtig Colourieren“.

Dort behandle ich übrigens auch das Problem des Albinismus.

In meinem nächsten Beitrag werde ich darlegen, dass Tätowierungen und Piercings bei Weißen eine verabscheuungswürdige Form kultureller Aneignung sind. Falls Sie derart rassistische Zeichnungen aufweisen, können Sie sich an unseren Werbepartner wenden, das Whitewash Ltd. Tattoo-Entfernungsstudio.

Unsagbar, aber ein gutes Beispiel: die Gästin

Im Deutschen gibt es zahlreiche Wörter, die Personen bezeichnen, ohne das Geschlecht zu nennen. Man nennt sie „generisch“.

Es gibt generische Maskulina, Feminina und Neutra:

  • der Mensch, Zwilling, Profi, Boss, Elternteil etc.,
  • die Person, Persönlichkeit, Figur, Waise, Geisel etc.,
  • das Individuum, Genie, Mitglied, Vorbild, Opfer etc.

Wenn ich das Geschlecht dazusagen möchte, nutze ich Adjektive (männlich, weiblich) oder spezielle Begriffe (Väter, weibliche Zwillinge).

Wenn es aber um eine Frau geht, kann ich auch die Endung „-in“ benutzen und ein neues Wort bilden. Das nennt man Movierung. Das tut man bei den genannten Wörtern aber meistens nicht, schon gar nicht bei einem generischen Femininum oder wenn das Wort auf einen Vokal endet (*Geniein, *Personin, *Zwillingin).

„Gast“ ist auch ein generisches Maskulinum. Wenn wir Gäste einladen, denken wir an eine bunte Mischung von Leuten. Trotzdem hört und liest man manchmal „Gästin“, wenn es sich um einen weiblichen Gast handelt.

Was passiert aber mit dem Wort „Gast“, wenn sich „Gästin“ für den weiblichen Gast durchsetzt?

Zunächst nichts. Gast bleibt generisch, während Gästin ausschließlich für Frauen reserviert ist. Etwa so wie bei Frauenparkplätzen. Parkplätze stehen weiterhin allen offen, auch wenn es jetzt spezielle Frauenparkplätze gibt.

Wenn aber immer mehr Frauen als „Gästin“ bezeichnet werden und wir uns daran gewöhnen, erscheint uns „Gast“ bei Frauen irgendwann unpassend. Besonders wenn das parallel mit anderen, ähnlichen Wörtern passiert („Vorständin“).

Mit den Berufs- und Tätigkeitsbezeichnungen ist das so gekommen. Es sind meistens generische Maskulina. Aber einige wurden moviert, zunächst nur die Frau eines Mannes mit dieser Berufsbezeichnung, dann die Frau, die diesen Beruf selbst erlernt hatte.

Trotzdem blieb aber das maskuline Grundwort generisch: Müller und Klöppler blieben die Berufsbezeichnungen für alle Geschlechter, nur wenn man betonen wollte, dass man über reine Frauengruppen oder eine bestimmte Frau sprach, nutzte man die Endung „-innen“ bzw. „-in“. Frauen bildeten also eine Liga für sich, konnten sich aber auch mit allen vergleichen: „Frauen sind die besseren Autofahrer.“ Das gilt im Grunde auch heute noch so.

Jetzt gibt es also ein generisches Wort und ein weibliches. Wie Parkplätze und Frauenparkplätze. Männerparkplätze gibt es nicht. Männliche Tätigkeits- und Berufsbezeichnungen auch nicht: „An roten Ampeln neigen männliche Autofahrer dazu, in der Nase zu popeln.“ Wenn „männlich“ schon in „Autofahrer“ enthalten wäre, könnte man es ohne Informationsverlust weglassen.

Paarformen verwischen diesen klaren Befund. Je häufiger wir sie hören, desto mehr erscheint uns das Maskulinum als männliche Form. Die Ablehnung des generischen Maskulinums verstärkt sich dadurch und mehr Paarformen werden verwendet. Ein Teufelskreis.

Wenn das nicht gestoppt wird, können wir in Zukunft nur noch männliche und weibliche Wörter benutzen. Generika wird es höchstens noch als Neutrum oder Femininum geben. Wie bei Onkel und Tanten, Neffen und Nichten, Cousins und Kusinen. Und die generischen Maskulina werden moviert: Menschin, Profiin, Bösewichtin, Starin, Fanin, Singlin, Engelin, Geekin und eben Gästin.

Man könnte es aber auch wie im Englischen machen und die Endung -in gar nicht mehr verwenden. Wie Nele Pollatschek. Sie nennt sich Schriftsteller und ist ab und zu Gast in Talkshows. Niemals Gästin.

Singbar: Alle Kinder lernen lesen

„Alle Kinder lernen lesen,
Indianer und Chinesen,
Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos,
Hallo Kinder, jetzt geht’s los!“

Darf man dieses Lied von Wilhelm Topsch noch singen?

Natürlich. Es tut niemandem etwas Böses. Im Gegenteil: Es fördert das Gefühl der Verbundenheit der Kinder mit den geographisch am weitesten entfernten Völkern der Welt. Und das durch Lesen. Selbst dort, wo die Natur es schwer macht.

„Eskimo“ ist gegenüber „Inuit“ der bessere Begriff, er schließt die Iñupiat und Yupik mit ein. Und die Meinung, dass der Begriff abwertend sei, ist längst überholt. Er beruhte auf einem Übersetzungsfehler. „Eskimo“ ist also absolut sagbar.

Die nordamerikanischen Indianer sind in Deutschland nicht Teil der Kolonialgeschichte. Wir kennen sie vielmehr aus Geschichten wie Winnetou, Fliegender Stern oder Yakari und fühlen uns ihnen verbunden. Sie verkörpern das Ideal, mit der Natur in Einklang zu leben und Respekt für die Mitgeschöpfe zu empfinden. Auch „Indianer“ ist demnach sagbar.

Mit Alltagsrassismus hat das Lied nichts zu tun. Es bedient nicht einmal Stereotype. Alle lesen. Nichts sonst.

Dem Kampf gegen Rassismus ist mit der reflexartigen, ungerechtfertigten und völlig überzogenen Kritik nicht geholfen. Eher das Gegenteil ist zu befürchten.

Literatur: „Eskimo“ und „Indianer“ bei Wikipedia

Unsäglich: Dekonstruktivismus

Um das vorweg klarzustellen: Dekonstruktion finde ich durchaus witzig. Im doppelten Wortsinn.

Man stelle sich einfach vor, dass die Dinge andersherum sind, als wir sie verstehen. Vielleicht beherrschen die Menschen gar nicht die Erde, sondern die Mäuse. In den Forschungslabors dressieren sie die Forscher, das zu denken und zu tun, was sie wollen. Auch der Sinn des Lebens ist vielleicht längst klar: Er ist 42. Wir müssen nur die passende Frage zu dieser Antwort finden. Das ist witzig. Man kann ins Nachdenken kommen. Aber es wäre ziemlich albern zu glauben, dass es so ist.1

Dekonstruktion ist ein heuristisches Mittel, Dekonstruktivismus ist albern.

Derrida dekonstruiert systematisch Dichotomien, unhinterfragte Denkstrukturen hinter Gegensatzpaaren. „Leben und Tod“ zum Beispiel. Dieser Gegensatz existiert für ihn nicht. Wir sind alles Gespenster. Andere Gegensätze werden gelten gelassen, aber umgewertet. Derjenige Begriff, der gemeinhin als minderwertig gilt, wird jetzt höher bewertet, z. B. Schrift gegenüber gesprochener Sprache.

Eine sehr fruchtbare Dekonstruktion ist die von „Autor und Leser“. Der Text entsteht erst durch den Akt des Lesens.

Den Leser in den Blick zu nehmen, ist eine sehr gute Idee. Trotzdem würde der Text ohne den Autor gar nicht existieren. Es ist also richtig, dass der Leser an den Autor Geld zahlt und dass die Urheberrechte gelten.

Derrida selbst hielt nichts vom Dekonstruktivismus. Dekonstruktion war eine Haltung, nicht einmal eine Methode, schon gar keine Philosophie.

Auf dem Missverständnis der Dekonstruktion beruht die Gender-Bewegung. Das Gegensatzpaar „Mann und Frau“ wird dabei nicht einfach umgewertet, indem die Hierarchie angegriffen würde, was dem Feminismus wichtig war, sondern die Existenz des Geschlechts wird grundsätzlich geleugnet. Mann und Frau gelten als Erfindung der patriarchalen Gesellschaft, durchgesetzt mit Hilfe der Sprache.

Die Natur hat die geschlechtliche Fortpflanzung natürlich lange vor dem Menschen erfunden. Dieses Argument wird aber als Biologismus abgetan.

Die Existenz eines weiteren biologischen Geschlechts wird dennoch gern als Argument aufgenommen.

Dass es von Mann und Frau mehr als die Idealbilder einer jeweiligen Epoche gibt, ist keine neue Offenbarung. Auch Hermaphroditen kennt die Menschheit schon seit Ewigkeiten. Neu ist der Glaube, dass Sprache so mächtig ist, dass der Ausspruch der Hebamme „Es ist ein Mädchen“ wie ein Zauberspruch die geschlechtliche Identität eines Menschen erzeugt.

Solche Zaubersprüche erkennt Judith Butler in den performativen Sprechakten. Sie fangen häufig mit „hiermit“ an: „Hiermit entschuldige ich mich, bestätige ich, kündige ich, erkläre ich …“.

Man braucht sie nur auszusprechen oder auf ein Stück Papier zu schreiben und schon ist die Wirklichkeit verändert.

Wenn das so einfach wäre! Der entscheidende Punkt ist nämlich, dass Adressaten, Zuschauer und Leser glauben und akzeptieren, was in den performativen Sprechakten behauptet wird.

So wie wir glauben und akzeptieren, dass ein auf bestimmte Art bedrucktes Papier so viel Wert ist wie ein Produkt oder eine Dienstleistung. Wenn das Vertrauen fehlt oder nachlässt, funktioniert es nicht oder nicht mehr.

Ein Wertpapier kann gefälscht sein, eine Urkunde auch. Wenn Rituale und Fristen nicht eingehalten werden, gelten Kündigungen nicht. Eine Entschuldigung muss ich nicht akzeptieren. Eheschließungen bringen nicht viel, wenn sich die Beteiligten nicht daran halten. Selbst in der katholischen Kirche sind es die Eheleute, die sich gegenseitig das Sakrament der Ehe spenden, nicht die Worte des Priesters.

Sollte sich eine Hebamme irren – auch Irrtümer sind möglich -, dann wird sich das herausstellen. So stark kann also die Macht des Hebammenwortes nicht sein.

Mit der Dekonstruktion sollte man außerdem sehr vorsichtig sein. Alles kann dekonstruiert werden: z. B. Arm und Reich, Wahrheit und Lüge, Kind und Erwachsener.

Wenn der Wohlhabende nach der Umwertung von Arm und Reich ein „Mensch ohne Armutserfahrung“ ist, dann kann ich ihn herzlich bedauern, wie der gläubige Christ, der weiß, dass dieser arme Mensch nicht in den Himmel kommen wird. An der Ungleichheit brauche ich nichts mehr zu ändern.

Trump hat die Grundlage von Zivilisation und Aufklärung zu zerstören versucht. Er hat der ganzen Welt vorgemacht, wie man Wahrheit und Lüge dekonstruiert: Es gibt sie nicht, es gibt nur „alternative Fakten“.

Wenn jemand den Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem dekonstruiert, kann er für die Entkriminalisierung der Pädophilie eintreten. So ist es tatsächlich geschehen. Derrida, Sartre und de Beauvoir haben eine entsprechende Petition unterschrieben. Auch die deutschen Grünen können ein Lied davon singen.

Wer die Dekonstruktion glaubt, als wäre sie die Wirklichkeit und nicht nur ein Denkanstoß, entfernt sich von der menschlichen Zivilisation, der Wissenschaft, der Wahrheit. Er ist uns entrückt, man könnte auch sagen ver-rückt. Aber auch das Gegensatzpaar „Arzt und Patient“ kann er leicht dekonstruieren.

1 Vgl. Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis

Literatur: Wikipedia „Dekonstruktion“ und „Jacques Derrida

Unsagbar: „Die Sprache bestimmt unser Denken“

In dem Roman 1984 von George Orwell wird in einem sozialistischen Überwachungsstaat der Zukunft die Sprache grundlegend umgestaltet, um auch das Denken zu kontrollieren. Der Umbau vom Oldspeak zum Neusprech ist dabei auf Jahrzehnte angelegt.

Orwells Warnung hat wohl bei einigen das Gegenteil erreicht und sie angeregt, etwas Ähnliches zu versuchen.

Denn diese Menschen glauben, wenn erst einmal das neue Gendersprech durchgesetzt wäre, würde die Welt endlich egalitär und divers. Dass sie es bisher nicht ist, liege nur an der alten Sprache, die unser Denken fest im Griff habe.

Abgesehen von der entwaffnenden Frage, wie denn die beachtlichen Fortschritte der letzten 50 Jahre zu erklären seien, stellt sich die grundlegende Frage, ob Sprache denn überhaupt unser Denken beeinflusst.

Da gibt es nur eine Antwort: Sprache nicht. Rhetorik schon.

Euphemismen, Hyperbeln, Fahnenwörter, Stigmawörter und vor allem Metaphern können einen enormen Einfluss auf die Hörer und Leser einer Rede habe.

Wenn dagegen Grammatik eine Wirkung hat, dann nicht die normalen Formen, sondern nur gezielt eingesetzte Abweichungen von der Norm, z.B. die Steigerung eines nicht steigerbaren Wortes („in keinster Weise“), der ungewöhnliche Satzbau: Inversion, Parallelismus, Chiasmus, Polysyndeton etc. oder eben die feministischen Paarformen, die unnötige Präzisierungen darstellen („alle und auch die Frauen“), also in der Rhetorik als Pleonasmen bezeichnet würden.

Gewöhnung führt jedoch zur Wirkungslosigkeit.

Die Macht der Metapher

Rhetorische Figuren werden zwar mit Elementen der Sprache gebildet, aber sie sind Mittel des Textes. Deshalb lassen sich Metaphern, Allegorien, Vergleiche, Personifikationen, Euphemismen, Hyperbeln etc. auch in jede andere Sprache übersetzen.

Metaphern sind Vergleiche. In einer Diskussion sind sie kleine analoge Argumente ohne Beleg. Wenn sie gut gemacht sind, wirken sie anschaulich und plausibel.

Sie können jeder Zeit spontan gebildet werden. Man muss nur einen Begriff aus einem anderen Lebensbereich ins aktuelle Gesprächsthema holen oder zwei Begriffe aus unterschiedlichen Lebensbereichen zusammenfügen („Asylantenflut“).

Diese Wörter stehen zunächst nicht im Wörterbuch. Die Sprache hat sie nicht vorgegeben.

Auch „geschlechtergerechte“ oder „gendersensible Sprache“ sind Neuschöpfungen (Neologismen). Hier wird jeweils ein Fahnenwort („gerecht“, „sensibel“) mit dem eigenen Standpunkt verknüpft, in der Hoffnung, das Wort reiche zur Argumentation aus oder unterstütze sie wenigstens.

Welche Wirkung haben dann aber Alltagsmetaphern? Sie stehen doch im Wörterbuch!?

Auch hier gilt wie bei der abweichenden Grammatik: Bei Gewöhnung geht die Wirkung verloren.

Wir sagen z.B., dass die Sonne aufgeht oder der Mond abnimmt. Glauben wir deshalb, dass die Sonne sich um die Erde dreht oder der Mond bei seiner Diät unter dem Jojo-Effekt leidet? Wenn jemand sagt, dass er „für alles offen ist“ und wir ihn daraufhin „nicht ganz dicht“ nennen, halten wir ihn dann für ein poröses Gefäß?

Die ursprüngliche Bedeutung einer Alltagsmetapher kann – wie in diesen Beispielen – aus der Gewöhnung herausgeholt werden. Das macht Literatur ständig, das passiert in Witzen und das zeigt sogar altbekannte Zusammenhänge zwischen psychischen Belastungen und körperlichen Reaktionen auf, die wir durch die Gewöhnung nicht mehr „auf dem Schirm“ haben: Wir haben viel um die Ohren, etwas macht uns Kopf- oder Bauchschmerzen, es geht uns an die Nieren, wir kriegen einen Hals, graue Haare, Pickel, die Krätze …

Kein Wunder also, dass die Vorstellung, dass Alltagsmetaphern unser Denken unterbewusst beeinflussen würden, so suggestiv ist.

In Wirklichkeit sind nur Metaphern so alltäglich geworden, dass sie nicht mehr in ihrer ursprünglichen Bedeutung wahrgenommen werden.

Die Bedeutung eines Ausdrucks liegt schließlich nicht in seiner Herkunft, sondern in seinem Gebrauch (Arbitrarietät des Zeichens).

Also keine Angst: Wir brauchen keine Alu-Hüte gegen die geheime Wirkung der Alltagsmetaphern. Auch keine Sprachreform.

Gegen tradierte falsche Vorstellungen und Vergleiche und gegen die Manipulation durch Metaphern und Euphemismen hilft nur eins: Aufklärung. Wenn wir wissen, was der Begriff „Konzentrationslager“ in der Wirklichkeit bedeutet, wirkt die ursprüngliche Kraft des Euphemismus bei uns nicht mehr.

Die Mittel der Aufklärung sind daher: die Vermittlung von Erfahrungen sowie glaubhafte Bilder und Erzählungen. Mondlandung, Corona-Virus, Holocaust: Was wir nicht persönlich erlebt haben, müssen wir den Erzählungen und Bildern glauben.

Achten wir darauf, dass die Quellen für alle glaubwürdig bleiben! Medien, die nicht die Sprache der Zuschauer sprechen, werden unglaubwürdig. Wenn unsere Universitätsangehörigen und öffentlich-rechtlichen Journalisten wokes Gendersprech benutzen, entfernen sie sich von dem Großteil der Bevölkerung und zerstören ihre eigene Autorität als unparteiische Quelle.

Literatur: Wikipedia-Artikel „Sapir-Whorf-Hypothese“ und „1984 (Roman)“ sowie Rhetorische Stilmittel bei schreiben.net

Unsäglich: die Verschwörungstheorie vom bösen generischen Maskulinum

„Männer haben heimlich das generische Maskulinum in die DNA der Sprache eingebracht, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.“

Das ist wie jede Verschwörungstheorie blanker Unsinn. Sie basiert auf einer statistischen Korrelation:

1. Unsere Welt wird von Männern bestimmt und 2. in allen indogermanischen Sprachen gibt es ein generisches Maskulinum. Da muss doch ein Zusammenhang bestehen!

Es kommen immer genau dann mehr Kinder zur Welt, wenn die Störche aus den Winterquartieren zurückkommen. Und seitdem es weniger Störche gibt, nimmt auch die Geburtenrate ab.

In Wirklichkeit ist natürlich alles ganz anders.

Zunächst gab es keine unterschiedlichen Genera. Auch keine Artikel, also kein der, die, das.

Aber es gab wer, wie, was.

„Wer“ unterscheidet auch heute noch nicht nach dem Geschlecht. Irgendwelche Personen sind gemeint.

„Was“ ist sehr allgemein. Es bezieht sich auf ganze Sachverhalte, nicht nur auf einzelne Dinge. Den deutschen Namen „sächlich“ hat das Neutrum hiervon.

So muss man sich die Anfänge der Genera vorstellen: Es gab eins für Personen, eins für Sachverhalte. Das war am Ende der indogermanischen Zeit.

Aber dann entstand wohl das Bedürfnis, Frauen besonders hervorzuheben. Männer tun das oft, man nennt das Galanterie. Frauen bekamen eigene Formen, für sie reserviert wie heutzutage gut beleuchtete Parkplätze in der Nähe der Ausgänge von Parkhäusern.

Diese Formen nennen wir daher Femininum. Erschaffen wahrscheinlich aus dem Plural des Neutrums, das die gleichen Endungen hat.

Die bisherige geschlechtslose Form für Personen wurde dadurch zweideutig: entweder sie war weiterhin allgemeingültig („generisch“) oder sie galt für alle außer Frauen. In der Annahme, dass „alle außer Frauen“ Männer sind, nannte man das Generische nun „Maskulinum“.

Mit der Endung „-in“ ging es genauso: Berufe wie Weber, Tischler etc. waren generische Maskulina (genau wie Mensch, Gast, Elternteil). Sie standen sprachlich allen Geschlechtern offen. In der Gesellschaft zwar nicht. Doch es gab sogar Gilden wie die Klöppler, die nur aus Frauen bestanden.

Erst als die Endung „-in“ hinzutrat (zunächst wohl für die Ehefrau, die eine besondere Aufgabe im Familienunternehmen, aber nicht die Ausbildung und Rechte hatte), wurde das Maskulinum zweideutig – mal generisch, mal nicht-weiblich – und die Frauen bekamen eine Liga für sich.

Die Verschwörungstheorie erzählt das alles anders herum: Die Männer hätten sich des Generischen bemächtigt, um den Mann als Modell des Menschen erscheinen zu lassen. Das würde zwar gut zu einem Patriarchat passen, ist aber trotzdem falsch.

Galanterie passt übrigens mindestens genauso gut zu einem Patriarchat: Ladies first, Ritterlichkeit, Gentlemen, die Tür aufhalten, in den Mantel helfen. Galanterie hat die Sprache schon öfter verändert: So wurde das Weib durch die Frau und die Frau durch die Dame ersetzt.

Und was ist mit den anderen Gesellschaften, denen mit nicht-indogermanischen Sprachen? Nun, diejenigen, die kein Genus kennen, sind nicht gerade weniger patriarchalisch, wie z.B. Ungarn und die Türkei.

Unsagbar ist also die Verschwörungstheorie, dass Männer das generische Maskulinum aus Machtgier erfunden und gegen die Frauen durchgesetzt hätten. Die Endung „-innen“ steht viel eher für ein Patriarchat. Eins, das Frauen galant in die zweite Liga abdrängt.

Im Englischen werden daher die Zweitliga-Kennzeichen –woman, -ess und –ette abgeschafft. Alle sind jetzt gleich, alle sind police officer, actor, waiter, bachelor. Alles generische Maskulina.

Dennoch wird bei uns weiter und weiter das Märchen vom bösen generischen Maskulinum erzählt. Alternative Fakten muss man wohl nur oft genug wiederholen.

Aber Hoffnung besteht: Erzählt noch jemand, die Störche brächten die Kinder?

Literatur: Wikipedia-Artikel „Kausalität“ und

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